Und schon wieder sitze ich im Flieger und gehe. Etwas mehr als einen Monat habe ich in Kemondo verbracht und habe die Kids lieben gelernt. So schwer mir der Abschied auch fiel, die Kinder haben es nicht ganz verstanden. Den Hausmamas fiel es mir schwer zu sagen, was ich wirklich fühle und die Kids, die mir wirklich ans Herz gewachsen sind und die mich mit zum Hafen begleitet haben, sind den Abschied gewohnt und haben sich mehr für die Mannschaft der tansanischen Premierleague interessiert, die sich mit an Bord der Fähre befand, als einem Mzungu winkend in die wirklich afrikanische Welt zu verabschieden.
Es ist belastend, dass jeder Ort dich irgendwann mit Erwartungen überläuft – selbstgestellt oder von außen. Wenn ich alleine auf einer Insel fest sitzen würde, würde irgendwann die Pflicht drücken sich Nahrung zu verschaffen. Und immer ist da dieser Drang alles richtig zu machen. Ich wünsche mir so sehr göttliche Ruhe in mir zu tragen und völlig sorgenfrei, nicht sorglos, fürsorglich den Tag zu leben. Die Tatsache, dass ich immer mehr tun kann, als ich tue, plagt - die Welt retten kann ich jedoch auch nicht. Lass Frieden herrschen zwischen Tatendrang und Gelassenheit.
Die Afrikaner scheinen ganz der Gelassenheit verfallen zu sein, was zum großen Teil daran liegt, dass der afrikanische Lebensstil viel Geduld erfordert. Überall und auf alles wird gewartet und alles passiert später als geplant, wenn überhaupt geplant. Übermäßige Arbeit wird jedoch stumm ertragen, statt den Erfindergeist zu aktivieren und sich Erleichterung zu verschaffen. Etwa 20 Männer habe ich gezählt, die mit der Fikeo, dem afrikanischen Handrasenmäher, den Rasen am Flughafen bearbeiten. In Deutschland hätte eine Person auf einer Maschine gereicht. Ich frage mich wie viele Jahre Afrika noch braucht bis es nicht mehr gebeugt durchs Leben läuft, mit dem Leben auf dem Kopf…
Morogoro erwartet mich und das echte afrikanische Leben ohne Strom und Fließendwasser steht vor der Tür. 28 Kinder kennen bereits meinen Namen und ich reise mit einer einzigen Sprache im Handgepäck – Kiswahili als einzige Verständigungsmöglichkeit. Wer hätte gedacht, dass man bei der Begegnung mit einer Truppe von höchstens 15 Jährigen so aufgeregt sein kann.
Im Schlafbereich des Seitenladers nähere ich mich meiner neuen Heimat. In bereits eingetroffener Dunkelheit rollen wir auf das Gelände und bereiten das Abladen des mitgebrachten Containers vor. Die Kids sind auf dem Geländer verstreut und halten Ausschau nach dem Weißen, der sie für die nächsten neun Monate beim Leben begleitet. Ich mache meine ersten Fußtritte auf den sandigen, trockenen Boden und weiß noch gar nicht wo ich stehe und kann noch nichts einordnen. Die ersten Jungs frage ich nach ihre Namen und vergesse sie sogleich. Die kleine Pendo kann ich mir jedoch gleich einprägen. Pendo wie die Liebe – welch schöner Name. Nach dem ersten, kurzen Gespräch mit Tina finde ich heraus, dass Pendo die Jüngste im Center ist und ihren Namen von einer Krankenschwester erhalten hat. Ihre Mutter hat sie im Krankenhaus abgegeben und auf die Namenskarte „Nicht gebraucht“ geschrieben. Die Krankenschwester hat diese Worte mit „Liebe“ ersetzt. Bei der ersten Ibada (Andacht) am selben Abend habe ich alle 28 Kinder samt Dadas und Bibi Esther und Mama Eli im Solarlicht vor mir sitzen. Auf Kiswahili haue ich eine vollständige Introduction raus mit dem Bewusstsein, dass mir hier nur diese Sprache weiterhilft.
Kaka Zakaria ist der einzige potentielle, männliche Freund ansonsten habe ich hier einige Dadas denen ich unverständig zuhöre. Kiswahili erlaubt mir noch nicht zu sagen, was ich fühle, meine Gedanken bleiben Gedanken und jeder Witz verstummt in mir. Die Kids sind geduldig mit mir und freuen sich mich um sie zu haben. Ihr Gelächter lässt mich meine grammatischen Fehler erkennen. Ich bin müde. Seit ich am Freitag hier angekommen bin, habe ich mit Müdigkeit zu kämpfen. Hitze, die den ganzen Tag überdauert und totale Konzentration, während ich Swahili Konversation verfolge und doch nicht verstehe, sind mögliche Gründe. Jeder Satz, den ich beitragen will, muss vorher gut durchdacht sein. Bloß nicht anfangen zu sprechen, wenn du weißt, dass dir gleich eine Vokabel fehlt. Es fühlt sich wie ewiges Tabuspielen an und ist anstrengend, doch schon bald bin ich in der Lage mit ganz Ostafrika die Welt zu diskutieren.
Groß ist die Gefahr hier in Einsamkeit zu versinken und ich bin gespannt was sich in neun Monaten in mir entwickelt und was sich verändert. Liebe zu den Kindern wächst mit jedem Lachen, dass sie mir zu werfen und Motivation für diesen eingezäunten Ort steigt. Ich hoffe doch noch sehr auf wenigstens einen Seelenverwandten.
Unter Robby Hales Gesang mit Alltagslyrik schaukel ich in den Sonnenuntergang hinein mit Blick auf die gewaltigen Berge vor mir, die sich hinter der Stadt aus dem flachen Land erheben. Einen weiten Schatten wirft die Schaukel auf den staubigen, harten, trockenen Boden. Windstöße wirbeln den Dreck in die Luft und lassen mich meine Augen zusammenkneifen. Die Bananenstauden neben an verdursten und leiden unter Trockenheit in der eigentlichen Regenzeit. Für einen kurzen Moment schaffe ich es die Ruhe, die Ferne, das Alleinsein, Afrika wirklich zu genießen. Das Schaukeln bringt mich auf nostalgische Gedanken. Ich denke an enge Freunde, meine Familie, gute Musik, Kim, Nutella, gutes deutsches Bier, deutsche Natur und genieße afrikanisches Leben.
Am ersten Tag bekomme ich die wöchentliche Jungengruppe übergeben, ich halte Andachten und bin seit heute Englischlehrer. Einen Monat haben wir Zeit ihnen Stoff von zwei Jahren beizubringen, damit sie die Aufnahmeprüfung in der neuen Schule schaffen. Ich bin der erste FSJ’ler an diesem Ort und darf Geschichte schreiben. Ich fühle mich gebraucht und das ist gut.
Jeder Tag beginnt mit Brot mit Blue Band (Butter) und Tee mit Milch. Sonntags gibt es ein Ei. Jeden Tag esse ich Reis mit Bohnen, gefolgt von Ugali ohne Salz. Abends dusche ich mit Eimer und kacke im Stehen. Haha!
Es geht mehr in mir vor, als ich hier preisgebe, vergebt, dass ich es nicht auf diese Weise mache - zu viele potentielle, nicht vertraute Leser.
Hey Bruda,
AntwortenLöschenes tut mir (uns) so leid, dass wir uns bis jetzt noch nicht gemeldet haben. Ich denke aber die ganze zeit an dich. Deine Einträge sind voll gut geschrieben, ich wusste gar nicht, dass du so gut schreiben kannst, wenn du nach Deutschland zurück kommst, solltest du ein Buch schreiben, ich werde dich immer wieder dazu ermutigen! du wirst noch richtig bekannt!!!=)
Wir wollten dich diese Woche mal anrufen, wir wissen nur nicht genau, wann das von deiner seite aus geht. Ich glaub wir versuchen das einfach mal, ich freu mich schon deine Stimme zu hören.
Ich vermiss dich sehr. Du warst besonders in der Zeit, kurz bevor du nach Afrika gingst, ein echter Freund für mich.Danke.
Lieb dich und denke an dich.
Ganz liebe Grüße
Jeanetta
You write with so much feeling and you provide such beautiful descriptions that I can actually imagine the situations you describe.
AntwortenLöschenEesha
Hey Eesha, nice to see that you enjoy my blog, but how do you read it? Is someone translating the whole thing to you?
LöschenHow are you by the way?
Hey Paul! I'm actually using google translate :-)
LöschenI'm fine. How are you doing?