Irgendwo in etwa 2000 Meter Höhe öffnet der Berg unter mir seine Ader. Fließend bahnt sich der neugeborene Fluss einen Weg in die Tiefe, reißt sich an Felsen vorbei und springt meterhohe Klippen hinunter. Rauschend zieht er auch an mir vorbei und hat mir über Jahre die Landschaft saftig grün ausgemalt. Am Flussufer strecken sich etliche Bäume in die Höhe mit Lianen, die sich in den Baumkronen festgeklammert haben und ihre Füße im Wasser baumeln lassen. Die Wolken über mir halten alles in trüber, schlafender Stimmung. Abgesehen von der Krabbe unter dem Felsbrocken neben mir, die sich durch ein kurzes Winken bemerkbar gemacht hat, den Ameisen, die mich mühevoll erklimmen und meine Aufmerksamkeit für ein kurzes Wegschlagen erhalten und dem scheinbar einzigen Bewohner dieses Regenwaldes, der Holz schleppend an mir vorbei gezogen ist, bin ich alleine hier. Das Klimpern der Natur ersetzt den Lärm der Kids. Letzten Samstag befanden wir uns an eben diesem beschriebenen Ort samt allen Kids und Mitarbeitern und haben uns an den Lianen vor mir vergnügt. Unglaublich mit welch einer Freude sie mit dem Fluss gespielt haben, ihn für kurzen Moment überflogen haben oder mit einem leichten Sprung gebrochen haben. An meinen Rücken geklammert, bitten sie mich sie in tiefere Gewässer zu führen, um kurz der Welt durch ein Abtauchen zu entfliehen. Hier, auf schwarzem Kontinent, auf tansanischem Land, im schönsten Regenwald, auf hartem Felsen, in großer Welt, sitze ich nun und spüre Seinen Blick. In vielen Jahren wird dieser Ort, dieser Moment, diese Zeit, das sein, wonach ich mich zurücksehnen werde. Wo werde ich in vielen Jahren sein? Was mache ich in dieser Zeit und wie werde ich sie in vielen Jahren betrachten. Was macht sie aus mir? Wohin führt mich derjenige, der mich mit Seinem Blick begleitet und was sieht Er, wenn Er kurz in die Zukunft blickt? Das sind die Fragen, die mich beschäftigen, wenn ich durch Regenwald einen Weg zur Stille gefunden habe. Ich merke, dass in mir alles gar nicht so still ist und wünschte mir ein wenig mehr Ruhe.
Gott gibt mir auf wunderbare Weise besondere Begabung im Erlernen der Sprache, auch wenn ich noch bei einigen Gesprächen versage, komme ich doch schon sehr weit, zum Wohlgefallen der Kids, die mir die größte Hilfe sind. Die Beziehungen werden immer persönlicher und die Kinder immer offener. Ich habe ohne Stock eine etwas schwerer zu erreichende Autorität gewonnen und merke, dass zählt, was ich sage.
Eine kleine Verwunderung will ich hier noch ausdrücken. In einer unserer abendlichen Andachten erzählt Felista davon, wie wichtig es ist Vater und Mutter zu ehren und stützt sich auf eine Stelle im Epheserbrief. Leider hat meine Konzentration nicht gereicht um ihren Gedankengang komplett zu verstehen, aber fragend sitze ich mit Gitarre im Schoß auf dem Sessel und frage mich wen sie wohl mit Vater und Mutter meint. Was versteht ein Kind unter Vater und Mutter ehren, wenn es keine hat. Ich schaue in die Runde und sehe Bibi und Dada Agnes und ich finde mich in diesem Kreis [...]
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