Donnerstag, 10. Mai 2012

Gestillte Reiselust (part 1)

Es ist nach langer Zeit einfach mal ruhig. Ich schreibe im Tischlampenlicht in einem gemuelichen Hotelzimmer in Iringa. Heute wird endlich wieder warm geduscht.
Je naeher der Tag der Abreise rueckt, umso groesser wurde in mir das Verlangen nochmal durch das Land zu ziehen und meine Reiselust zu stillen.
Meine Reise beginnt in Morogoro. Auf engem Raum im zerschlissenen, verdreckten Bus warte ich auf die erloesende Abfahrt. Seit zwei Stunden lauft der Motor und der Bus will nicht losfahren, bis nicht die letzten zwei Sitzplaetze noch belegt sind. Strassenverkaeufer laufen staendig am Fenster vorbei und rufen "Mikate, Mayai" und "Viatu" und versuchen ihre Ware fuer ein paar Shilling loszuwerden. Die Sonne, die immer wieder durch die Wolken bricht, macht mir den Sitzplatz am Fenster unertraeglich. Die anderen Insassen unterhalten sich in einer mir unbekannten Stammessprache. Der nach schweissriechende, laute Vordermann wird fuer sein schlechtes Kiswahili von den Strassenverkaeufern ausgelacht, die er staendig nach den Preisen fragt, aber doch nichts kauft, weil ihm alles zu teuer ist. Aus einer Unterhaltung hoere ich heraus, dass er mit seinen geschaetzten 30 Jahren noch nie Cashewnuesse und Sodagetraenke gesehen hat. Er ist nie zur Schule gegangen und voellig weltfern lebt er in einem abgelegenem Dorf. Ich sitze hier mit meinen 13 Jahren Schule auf dem Buckel und fast 200000 Shilling in der Royal Travellers Bauchtasche und ich frage mich wer das Leben so ungerecht verteilt hat. So reich bin ich in dieser Welt.
Der Bus faehrt an und ich kehre den Ulugurumountains den Ruecken zu. Wir betreten den Mikuminationalpark und passieren Bueffelherden, Gazellen und Elefanten, die man von der Hauptsstrasse aus beobachten kann. Letztere leben hier frei auf engem Raum zu etwa 9000. Von Mikumi geht es ueber unbefestigte Strasse Richtung Udzungwa Mountains. Wunderschoene Berge erheben sich rechts und die hoehere Lage macht sich durch die Kaelte bemerkbar. Ich mache mir meinen Sitznachbarn Dismas zum Freund und er stellt mir sein Motorrad fuer den naechsten Tag zur Verfuegung. Mit ueberteuerten Tourguide und Genehmigung ziehen wir am naechsten Morgen mit festgeschnuerten Wanderschuhen in die Bergregenwaelder. Es geht durch dichtes Gebuesch in eine einmalige Vegetation. Immer wieder springen Affen ueber unseren Koepfen her und haufenweise Elefantenkacke ist ueber dem Weg verstreut. Ich trete in die riesen Elefantenfussstapfen und wir steigen immer hoeher. Spinnennetze kleben sich ins Gesicht, bis wir nach etwa drei Stunden Fussmarsch den ersten der drei Sanje Waterfalls erreichen. Voellig sprachlos bin ich bei dem letzten, groessten Wasserfall, der 170 Meter ueber Kaskaden in die Tiefe faellt und ein wunderschoenes Panorama zaubert. Immer wieder bin ich fasziniert von der verborgenen Schoenheit dieser Welt und ich bewundere Gottes Kuenstlerhaende. Nach langer Reise gibt es mit Hunger gewuerztes Ugali mit Dismas Familie. Ich beende meinen Tag mit einm kuehlen Bier, dem Chelsea vs Liverpool Spiel und der Tragoedie der Maria Stuart.
Morgens verzoegert sich meine Abreise, da es kein Wasser im Hotel gibt. Ein paradoxes Bild - gestern bewundere ich gewaltige Wassermassen, die maechtig in die Tiefe stuerzen und heute morgen hoffe ich auf ein paar Tropfen Wasser aus dem Hahn. Der betrunkene, ehemalige Tanesco-Mitarbeiter belaestigt mich auf dem Weg zum Bus. Den Umstehenden bereiten wir eine oeffentliche Entertainmentshow waehrend Mzungu mit Betrunkenem Wortgefecht haelt. Es gibt mir Mut, wenn es mir gelingt mich rednerisch auf Kiswahili zu behaupten. Ich geniesse den warmherzigen Menschenumgang in den Doerfern. Meine Reise fuehrt mich, dem Rift Valley entlang, in wunderschoene Berglandschaft. Mein Sitznachbar ist Evangelist und wir fuehren spannende Unterhaltung ueber die Korruption des Landes und ueber sein Leben, ein Kampf um Wasser. Im Inneren des Landes gibt es nur eine miserable Wasserversorgung. Etwa fuenf mal die Woche faehrt er die fuenf Kilometer mit dem Fahrrad zum Wasserbrunnen, um 20 Liter Wasser zu transportieren. An die 100 Liter Wasser verbraucht seine dreikoepfige Familie in der Woche. Die Regierung hat hier ein grosses Wasserwerk errichtet, wovon die Menschen aus der Umgebung kein bisschen profetieren. Hinzu kommt, dass das wenige Wasser oft voellig verdreckt ist und chemieverseucht, da die umliegenden Bauern ihre Tomaten schneller verkaufen wollen. Somit werden Typhus und andere Krankheiten zum zusaetzlichen Problem.
Nun bin ich in Iringa angekommen, wo alle in Pullover oder Jacke rumlaufen und Socken tragen. Die Temperatur erinnert mich an kuehle Sommerabende in Deutschland und die Atmosphaere und der Umgang der Menschen hat etwas Besonderes. Es fuehlt sich nach einer mit Studenten gefuellten Kulturstadt an, wo ein Weisser gar nicht auffaelt. Viele sind modisch gekleidet und scheinen Bildung genossen zu haben. Ich trinke meine zwei Bier, esse Burger und geniesse die Ruhe und das Alleinesein bei schoenem Sonnenuntergang ueber Iringas Blechdaechern. Es ist schoen individuell zu reisen und ich fuehle mich frei.
Morgen geht meine Reise weiter nach Mbeya. Tanzania ist schoen und weit.

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