Montag, 4. Juni 2012

Verändert gehe ich.


Lovely Agape Children
Sieben Wochen bleiben mir noch. Ich erinnere mich, wo noch ein ganzes Jahr vor mir lag, eine neue Sprache, fremde Menschen, stechende Hitze – ein unbekanntes Land hat mir die Hand gereicht. Das Jahr geht nun zu Ende, die Sprache gehört mir, Fremde sind meine Freunde, die Hitze ist ein schöner Sommer und ein vertrautes Land umarmt mich und gibt mir das Gefühl von Heimat. Mit jedem Tag habe ich alles mehr und mehr lieben gelernt und mich immer mehr dieser Welt hingegeben. Die Unordnung im Straßenverkehr ist Bewegungsfreiheit, der zerfallende Häuserbaustil hat künstlerische Eigenart und jede Verspätung spiegelt diese Gelassenheit wieder, die in Deutschland im Stress untergeht. In dem Hotel, wo ich gerade diesen Text verfasse, bin ich Stammkunde und mit den 28 Kids, deren Namen ich mir anfangs nur schwer einprägen konnte, teile ich Liebe und Leben. Genau diese Beziehungen machen mir das Gehen so schwer. Ein Jahr lang war ich großer Bruder, Freund und selbst Vatergefühl hat sich in mir entwickelt. Ein Jahr lang wurde ich wirklich gebraucht. Ich bin ein Teil ihres Alltags, ihres Lebens geworden und sie haben mein Herz erobert. Es fällt mir schwer sie zurück zu lassen und diesen Spalt im Herzen einzuschlagen. Während es nicht mehr um mich ging und ich für andere gelebt habe, habe ich etwas gefunden, was ich nicht mehr verlieren will – mich selbst. Ich bete, dass alte Umgebung, altes Umfeld, nicht altes Ich aus mir hervorrufen und sich meine Welt wieder nur um mich selbst dreht.
Ich versuche den Unterschied festzumachen, den ich in diese Welt gebracht habe. Ein paar Fenster im Kinderdorf schließen sich besser, ein paar Fliesen machen den Boden schöner, ein Solarsystem erfüllt nun seinen Zweck, eine Handvoll Kinder spricht ein wenig besser Englisch und vielleicht war auch mein Bemühen um ein Verständnis für nachhaltiges Leben im Umgang mit Wasser und Müll nicht ganz erfolglos, doch Afrika ist immer noch Afrika. Die Armut ist dieselbe, Straßenkinder sind immer noch Straßenkinder, Mamas kämpfen sich mit ihren Kindern durchs Leben mit der Hand im Mund, Wasser wird immer noch in Eimern über Kilometer auf dem Kopf transportiert und sie sitzen immer noch im Dunkeln.
Doch ein Jahr lang mussten sie einen Eimer weniger schleppen und zusammen saßen wir im Dunkeln, während wir mit tiefgehender Gemeinschaft mit der Hand im Mund, aßen. Ein Jahr lang habt ihr mir in der Armut gezeigt, dass es um so viel mehr geht, als das, was man hat und dass wahrer Reichtum sich in dem zeigt, was man ist. Ich kam um zu verändern, verändert gehe ich.
Liebe macht den Unterschied. 28 Kinder sind von mir geliebt und Liebe gibt Freude am Leben. Einen weiten Blick habe ich gewonnen. Es ist eine Sache, etwas zu wissen und eine andere es selbst zu erleben. Eine unglaubliche Bereicherung meiner selbst ist mir diese Zeit hier und mein Wissen über das Leben hier, ist nun erlebtes Mitgefühl. Ich habe ein neues Verständnis für den Menschen und mein Herz ist größer. Diese liebgewonnene Welt lasse ich mit weinendem Auge zurück, während das andere Auge vor Freude strahlt, da eben nur noch sieben Wochen mich von meinen geliebten Freunden und Verwandten trennen. Neu begebe ich mich in ihre Arme und neu will ich sie lieben und für sie leben in Freude und Trauer. Ich bin gespannt wie alte Welt neu auf mich wirkt und was sich in einem Jahr bewegt, wenn man abwesend war. Ich hoffe sehr auf Freude in den Herzen zu treffen und Liebe in Gemeinschaft.
Doch zunächst einmal heißt es, bewusst sieben Wochen zu genießen und nochmal vollkommen hier zu sein. Wie man genießen kann, wenn man weiß, dass man geht. Man müsste ständig gehen.

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