| Lovely Agape Children |
Sieben Wochen bleiben mir noch. Ich erinnere mich, wo noch
ein ganzes Jahr vor mir lag, eine neue Sprache, fremde Menschen, stechende
Hitze – ein unbekanntes Land hat mir die Hand gereicht. Das Jahr geht nun zu
Ende, die Sprache gehört mir, Fremde sind meine Freunde, die Hitze ist ein
schöner Sommer und ein vertrautes Land umarmt mich und gibt mir das Gefühl von
Heimat. Mit jedem Tag habe ich alles mehr und mehr lieben gelernt und mich
immer mehr dieser Welt hingegeben. Die Unordnung im Straßenverkehr ist
Bewegungsfreiheit, der zerfallende Häuserbaustil hat künstlerische Eigenart und
jede Verspätung spiegelt diese Gelassenheit wieder, die in Deutschland im
Stress untergeht. In dem Hotel, wo ich gerade diesen Text verfasse, bin ich
Stammkunde und mit den 28 Kids, deren Namen ich mir anfangs nur schwer
einprägen konnte, teile ich Liebe und Leben. Genau diese Beziehungen machen mir
das Gehen so schwer. Ein Jahr lang war ich großer Bruder, Freund und selbst
Vatergefühl hat sich in mir entwickelt. Ein Jahr lang wurde ich wirklich
gebraucht. Ich bin ein Teil ihres Alltags, ihres Lebens geworden und sie haben
mein Herz erobert. Es fällt mir schwer sie zurück zu lassen und diesen Spalt im
Herzen einzuschlagen. Während es nicht mehr um mich ging und ich für andere gelebt
habe, habe ich etwas gefunden, was ich nicht mehr verlieren will – mich selbst.
Ich bete, dass alte Umgebung, altes Umfeld, nicht altes Ich aus mir hervorrufen
und sich meine Welt wieder nur um mich selbst dreht.
Ich versuche den Unterschied festzumachen, den ich in diese
Welt gebracht habe. Ein paar Fenster im Kinderdorf schließen sich besser, ein
paar Fliesen machen den Boden schöner, ein Solarsystem erfüllt nun seinen
Zweck, eine Handvoll Kinder spricht ein wenig besser Englisch und vielleicht
war auch mein Bemühen um ein Verständnis für nachhaltiges Leben im Umgang mit
Wasser und Müll nicht ganz erfolglos, doch Afrika ist immer noch Afrika. Die
Armut ist dieselbe, Straßenkinder sind immer noch Straßenkinder, Mamas kämpfen
sich mit ihren Kindern durchs Leben mit der Hand im Mund, Wasser wird immer
noch in Eimern über Kilometer auf dem Kopf transportiert und sie sitzen immer
noch im Dunkeln.
Doch ein Jahr lang mussten sie einen Eimer weniger schleppen
und zusammen saßen wir im Dunkeln, während wir mit tiefgehender Gemeinschaft
mit der Hand im Mund, aßen. Ein Jahr lang habt ihr mir in der Armut gezeigt,
dass es um so viel mehr geht, als das, was man hat und dass wahrer Reichtum
sich in dem zeigt, was man ist. Ich kam um zu verändern, verändert gehe ich.
Liebe macht den Unterschied. 28 Kinder sind von mir geliebt
und Liebe gibt Freude am Leben. Einen weiten Blick habe ich gewonnen. Es ist
eine Sache, etwas zu wissen und eine andere es selbst zu erleben. Eine
unglaubliche Bereicherung meiner selbst ist mir diese Zeit hier und mein Wissen
über das Leben hier, ist nun erlebtes Mitgefühl. Ich habe ein neues Verständnis
für den Menschen und mein Herz ist größer. Diese liebgewonnene Welt lasse ich
mit weinendem Auge zurück, während das andere Auge vor Freude strahlt, da eben
nur noch sieben Wochen mich von meinen geliebten Freunden und Verwandten
trennen. Neu begebe ich mich in ihre Arme und neu will ich sie lieben und für
sie leben in Freude und Trauer. Ich bin gespannt wie alte Welt neu auf mich
wirkt und was sich in einem Jahr bewegt, wenn man abwesend war. Ich hoffe sehr
auf Freude in den Herzen zu treffen und Liebe in Gemeinschaft.
Doch zunächst einmal heißt es, bewusst sieben Wochen zu
genießen und nochmal vollkommen hier zu sein. Wie man genießen kann, wenn man
weiß, dass man geht. Man müsste ständig gehen.
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