Es ist nach langer Zeit einfach mal ruhig. Ich schreibe im Tischlampenlicht in einem gemuelichen Hotelzimmer in Iringa. Heute wird endlich wieder warm geduscht.
Je naeher der Tag der Abreise rueckt, umso groesser wurde in mir das Verlangen nochmal durch das Land zu ziehen und meine Reiselust zu stillen.
Meine Reise beginnt in Morogoro. Auf engem Raum im zerschlissenen, verdreckten Bus warte ich auf die erloesende Abfahrt. Seit zwei Stunden lauft der Motor und der Bus will nicht losfahren, bis nicht die letzten zwei Sitzplaetze noch belegt sind. Strassenverkaeufer laufen staendig am Fenster vorbei und rufen "Mikate, Mayai" und "Viatu" und versuchen ihre Ware fuer ein paar Shilling loszuwerden. Die Sonne, die immer wieder durch die Wolken bricht, macht mir den Sitzplatz am Fenster unertraeglich. Die anderen Insassen unterhalten sich in einer mir unbekannten Stammessprache. Der nach schweissriechende, laute Vordermann wird fuer sein schlechtes Kiswahili von den Strassenverkaeufern ausgelacht, die er staendig nach den Preisen fragt, aber doch nichts kauft, weil ihm alles zu teuer ist. Aus einer Unterhaltung hoere ich heraus, dass er mit seinen geschaetzten 30 Jahren noch nie Cashewnuesse und Sodagetraenke gesehen hat. Er ist nie zur Schule gegangen und voellig weltfern lebt er in einem abgelegenem Dorf. Ich sitze hier mit meinen 13 Jahren Schule auf dem Buckel und fast 200000 Shilling in der Royal Travellers Bauchtasche und ich frage mich wer das Leben so ungerecht verteilt hat. So reich bin ich in dieser Welt.
Der Bus faehrt an und ich kehre den Ulugurumountains den Ruecken zu. Wir betreten den Mikuminationalpark und passieren Bueffelherden, Gazellen und Elefanten, die man von der Hauptsstrasse aus beobachten kann. Letztere leben hier frei auf engem Raum zu etwa 9000. Von Mikumi geht es ueber unbefestigte Strasse Richtung Udzungwa Mountains. Wunderschoene Berge erheben sich rechts und die hoehere Lage macht sich durch die Kaelte bemerkbar. Ich mache mir meinen Sitznachbarn Dismas zum Freund und er stellt mir sein Motorrad fuer den naechsten Tag zur Verfuegung. Mit ueberteuerten Tourguide und Genehmigung ziehen wir am naechsten Morgen mit festgeschnuerten Wanderschuhen in die Bergregenwaelder. Es geht durch dichtes Gebuesch in eine einmalige Vegetation. Immer wieder springen Affen ueber unseren Koepfen her und haufenweise Elefantenkacke ist ueber dem Weg verstreut. Ich trete in die riesen Elefantenfussstapfen und wir steigen immer hoeher. Spinnennetze kleben sich ins Gesicht, bis wir nach etwa drei Stunden Fussmarsch den ersten der drei Sanje Waterfalls erreichen. Voellig sprachlos bin ich bei dem letzten, groessten Wasserfall, der 170 Meter ueber Kaskaden in die Tiefe faellt und ein wunderschoenes Panorama zaubert. Immer wieder bin ich fasziniert von der verborgenen Schoenheit dieser Welt und ich bewundere Gottes Kuenstlerhaende. Nach langer Reise gibt es mit Hunger gewuerztes Ugali mit Dismas Familie. Ich beende meinen Tag mit einm kuehlen Bier, dem Chelsea vs Liverpool Spiel und der Tragoedie der Maria Stuart.
Morgens verzoegert sich meine Abreise, da es kein Wasser im Hotel gibt. Ein paradoxes Bild - gestern bewundere ich gewaltige Wassermassen, die maechtig in die Tiefe stuerzen und heute morgen hoffe ich auf ein paar Tropfen Wasser aus dem Hahn. Der betrunkene, ehemalige Tanesco-Mitarbeiter belaestigt mich auf dem Weg zum Bus. Den Umstehenden bereiten wir eine oeffentliche Entertainmentshow waehrend Mzungu mit Betrunkenem Wortgefecht haelt. Es gibt mir Mut, wenn es mir gelingt mich rednerisch auf Kiswahili zu behaupten. Ich geniesse den warmherzigen Menschenumgang in den Doerfern. Meine Reise fuehrt mich, dem Rift Valley entlang, in wunderschoene Berglandschaft. Mein Sitznachbar ist Evangelist und wir fuehren spannende Unterhaltung ueber die Korruption des Landes und ueber sein Leben, ein Kampf um Wasser. Im Inneren des Landes gibt es nur eine miserable Wasserversorgung. Etwa fuenf mal die Woche faehrt er die fuenf Kilometer mit dem Fahrrad zum Wasserbrunnen, um 20 Liter Wasser zu transportieren. An die 100 Liter Wasser verbraucht seine dreikoepfige Familie in der Woche. Die Regierung hat hier ein grosses Wasserwerk errichtet, wovon die Menschen aus der Umgebung kein bisschen profetieren. Hinzu kommt, dass das wenige Wasser oft voellig verdreckt ist und chemieverseucht, da die umliegenden Bauern ihre Tomaten schneller verkaufen wollen. Somit werden Typhus und andere Krankheiten zum zusaetzlichen Problem.
Nun bin ich in Iringa angekommen, wo alle in Pullover oder Jacke rumlaufen und Socken tragen. Die Temperatur erinnert mich an kuehle Sommerabende in Deutschland und die Atmosphaere und der Umgang der Menschen hat etwas Besonderes. Es fuehlt sich nach einer mit Studenten gefuellten Kulturstadt an, wo ein Weisser gar nicht auffaelt. Viele sind modisch gekleidet und scheinen Bildung genossen zu haben. Ich trinke meine zwei Bier, esse Burger und geniesse die Ruhe und das Alleinesein bei schoenem Sonnenuntergang ueber Iringas Blechdaechern. Es ist schoen individuell zu reisen und ich fuehle mich frei.
Morgen geht meine Reise weiter nach Mbeya. Tanzania ist schoen und weit.
Donnerstag, 10. Mai 2012
Donnerstag, 26. April 2012
Wir lieben uns!
Ich habe immer so viel zu sagen, doch wenn ich gedankliche Ordnung hineinbringen will, verstumme ich irgendwann und sage nichts. Mal fühle ich und will mich mitteilen, warte ein wenig und schon überfallen mich neue Gefühle von ganz anderem Ufer. Schildere ich nur die eine Seite, ist es unvollkommen und an beide Ufer reicht mein Wortschatz nicht. Daraufhin bleibe ich wieder stumm.
Nichtsdestotrotz will ich gerne meine Beziehung zu Tansania ein wenig aufführen und erläutern in welchem Verhältnis wir zueinander stehen.
Man sagt ja immer die inneren Werte zählen, doch schwerer ist es zu lieben, wenn man das Äußere nur ungerne anschaut. Ich wurde von Afrikas schönsten Stränden begrüßt, weiß und blau überlaufen sich und alles scheint noch so unentdeckt, so unberührt, als hätte sie sich so lange für den Richtigen bewahrt. Fotos von Traumstränden mit Palme, Sand und Meer, die ich damals als „nicht von dieser Welt“ kommentiert hätte, habe ich nun selbst geschossen. Jeden Tag Sommer mit voller Hitze habe ich für die ersten drei Wochen gelebt.
Die fruchtbare Hügel- und Gebirgslandschaft am Viktoriasee, der Quelle des Nils, folgte im Anschluss. Ich lebte mit Bananenplantage und grünen Wäldern, Adlern und Affen. Nilpferde und Krokodile machten alles spannend, zeigten sich mir jedoch nicht.
Hinaus aus dem milden Klima ziehe ich in Tansanias Trockenlandschaft, wo sich nur ein paar Sträucher und Mbuyubaum durchgekämpft haben. Straub kriecht mir in die Kehle beim ersten Fußballspiel und die Sonne knallt, bis Arme und Füße braun glühen und ich schwitze. Doch wunderschön erheben sich die Ulugurumountains aus der Ebene und zeigen sich mit den Wolken im ständigen Farbspiel. Die himmlischen Wassertanks versuchen stets vorbeizuziehen, gehen jedoch nicht ohne Schauer zu hinterlassen und alles zu einer saftigen, fruchtbaren Landschaft mit Gold in den Flüssen zu verzaubern. In den höheren Hängen verwächst dichter Regenwald. Aufgrund der momentanen Regenzeit hat sich das Grün des Landes bis hier her gezogen und unsere fein bearbeiteten Shambas blühen und die einstige Steppe ist nur schwer zu durchwandern. Schlangen zeigen sich nur scheu und fürchten menschlichen Schlag.
Und dann spreche ich vom Garten Eden mit allen schönen Tieren dieser Welt, die frei und wild in einem weiten Land leben. Die Serengeti überfällt dich mit seiner Freiheit und lässt dich nicht los, bis in die Tiefe des Ngorongorokraters, dem schönsten Teil dieser Welt. Jede Nacht glitzern die Sterne wie Laternen über diese Welt, doch noch nie waren Sterne so schön und so groß an Zahl wie in der einen Nacht, als ich schweigend vor meinem Zelt in der Serengeti, dem Herzen Tanzanias, den Blick nicht senken konnte.
Nicht zuletzt ist mir das Haupt Tansanias, der Kilimandscharo vor die Augen gekommen und lässt Ehrfurcht walten. Vom höchsten Punkt, durch den schönsten bis hin zum tiefsten ist Tansania gefüllt mit Superlativen, wie nirgendwo anders. Reich an Ressourcen und reich an Schönheit.

Doch noch reicher an Korruption, die das Land trotz großem Schatz den Bach hinunterfährt.
Das Land, mit unglaublich attraktivem Äußeren, kämpft mit folgendem Laster. Mit korrupten Rossen reitet die Regierung Tansania in den Boden. So viel Potential steckt in den Menschen und mit so vielen Ressourcen ist das Land gesegnet, doch 50 Jahre lang frisst das reiche Ross. Angefangen mit dem Mienensektor, der an ausländische Investoren verkauft wurde, wo großes Geld fließt, von dem Tansania nichts zu sehen bekommt. In Form von Joint Ventures wird das Land ausgebeutet und führende Politiker füllen sich ihre Taschen. Das Volk schaut, noch schweigend, dabei zu wie ihre Gold- und Stahlschätze aus dem Land transportiert werden.
Wir sind gerade aus der Serengeti gekommen, als wir an einem schönen Aussichtspunkt über den Lake Manyara auf eine Familie mit zwei aufgemotzten BMWs treffen. Das Nummernschild deutet bereits daraufhin, dass es sich um einen Regierungsmitarbeiter handelt, was sich nach seiner stolzen Vorstellung schnell bestätigt. Er lächelt nur bescheiden, als wir ihn auf seine überteuerten Autos ansprechen und meint, dass das nichts Nennenswertes ist. Er erkundigt sich über unseren Aufenthalt und unsere Herkunft. Wir sagen ihm, dass wir Freiwillige sind, die dem Land helfen wollen, dass seine Regierung ausbeutet. Wie gerne hätte ich ihm das vorgeworfen und ihn darauf angesprochen, wie es möglich ist von einen Tag auf den anderen das Visum von 120 Dollar auf 520 zu erhöhen.
Die Regierung steckt ihre Finger in jedes geldversprechende Unternehmen und beutet es lächelnd aus, während das Volk über Holz und Kohle kocht, im Öllampenlicht lebt und das Wasser auf dem Kopf durch das halbe Dorf trägt. Während die Regierungsleute ein Wochenende in der Serengeti verbringen, sind arme, ungebildete Tansanier noch nie aus ihrem Dorf herausgekommen.
Es mangelt an Geld, um eine gescheite Bildung zu erhalten. Von der Serengeti werden sie wahrscheinlich nie mehr zu sehen bekommen, als die Werbeplakate in den Innenstädten.
Ich unterhalte mich mit dem Pikipikidriver, der mich für 1000 Shilling durch die Innenstadt fährt, der mir stolz alle seine Englischvokabeln präsentiert. Er ist nie zur Schule gegangen, hat sich Lesen und Schreiben selbst beigebracht und lebt von meinem Fahrtgeld. Ich steige in den Bus, wo mir ein gebildeter Abiturient von seinen Auslandsplänen erzählt, die vermutlich nie wahr werden, doch glücklich kann er sich schätzen, dass er die Schule bis zur Form 4 abschließen kann. Für die meisten Kinder reicht das Geld bis zur siebten Klasse und dann leben sie von umgerechnet zwei Euro am Tag, die sie sich auf dem Feld oder auf dem Bau verdient haben. Andere verbringen ihre Zeit damit Zeitungen oder gekochte Eiern auf Busständen zu verkaufen. Die Zeitungen, in denen endlich von der großen Korruption in der Regierung zu lesen ist. Lange genug haben die Tansanier über die Fehlführung gesprochen, langsam fangen sie an aufzustehen. Erste Studentenaufstände werden laut, weil sie die Zusammenhänge verstehen. Bildung macht es möglich, doch so wenige können sie sich leisten. Hinzu kommt die unglaublich inkompetente Lehrbesetzung. An staatlichen Schulen sprechen die Lehrer unglaublich schlechtes Englisch - welche Aussichten haben die vielen Kinder unter diesen Voraussetzungen.
Bei all der Armut verfällt das Volk in paradoxes Materialismusdenken und versucht aus allem Geld zu schöpfen und vor allem bei weißer Hautfarbe eine bettelnde Hand auszustrecken oder überhöhte Preise zu nennen. In 50 Jahren Freiheit sind sie nicht ganz vom Kolonialdenken heruntergekommen und sehen ihre Hoffnung im Westen, doch nur alleine kann man laufen.
Tansanias Laster zieht sich noch weiter über die Gesundheitssituation, wo Tausende an Maleria sterben, weil kein Geld für Medizin reicht, über verfallende Moralvorstellungen voll Unzucht, wo HIV gezielt weitergepasst wird, wo Erwachsene sich an Kindern vergreifen und Kinder Kinder gebären. Diese wiederum landen auf der Straße oder wachsen in Waisenhäusern auf. Nicht zuletzt ist alles von Kriminalität untermalt, wo Raub mit Mord nichts Erschreckendes ist. Ich erreiche unseren Busstand und finde nur einen Pikipikidriver statt den üblichen 60 vor, der mir auf meine verwunderte Nachfrage antwortet, dass alle zur Beerdigung eines verstorbenen Kollegen gefahren sind. Zu Hause angekommen erzähle ich die Geschichte und Neema antwortet mir: Kufa ni kawaida! (Tod ist nichts Ungewöhnliches!). Erschreckende Feststellung einer Zwölfjährigen, doch gesund wird über den Tod nachgedacht und er ist immer real und nah. Je bewusster man sich über den Tod wird, umso klarer lebt man.
Und nun zu dem was mir mein Herz völlig raubt. Immer wieder sprechen dich Leute in der Öffentlichkeit an und nach kurzem Überfliegen des Smalltalkgelabers geht es um das Echte. Gott ist real und eine Leidenschaft für ihn kann ich mit fast allen teilen. Es gibt keine Hemmungen und Tabus, die beim Thema Glauben erst übersprungen werden müssen und die Frage, ob es einen Gott gibt, ist völlig überflüssig. Jede Unterhaltung wird damit beendet, dass man sich gegenseitig zu sich nach Hause einlädt. Zu Gast bei ihnen haben sie nicht viel zu bieten, doch über ihre Kosten geben sie. Ehrliche Gastfreundschaft erfährt man und man trifft immer wieder auf liebevolle, ehrliche, mit Freude gefüllte Tansanier, die trotz all der schwierigen Umstände das Echte behalten haben. Das Echte, das in Deutschland vom Materialismus gefressen wird und vom Belanglosen verschluckt wird.
Ich bin gerade in einem Restaurant und versuche ein wenig Abwechslung in den Alltag zu bringen. Ich hab wirklich schönen Blick auf die Berge und Daladala, Pikipiki und Fahrrad rauschen afrikanisch auf der Straße vorbei. Es fühlt sich gerade wirklich gut an auf Reise zu sein und ich habe Frieden. Ich habe wirklich schöne Zeiten mit den Kids. Sie öffnen sich mir, sind mir wirklich Freund und lieben mich. Es macht alles so schön, wenn man Menschen um sich herum hat, die einen lieben. Wenn man selber liebt, ist man glücklich. Gestern haben wir den Generator angeschlossen und das Spiel Bayern gegen Real geschaut - ein wirklich sehr schönes Spiel und die richtige Mannschaft hat gewonnen. Es hat gut getan ein wenig Deutschland gemeinsam zu beobachten, auch wenn sie, mir zum Trotz, alle für Real Madrid gejubelt haben. Mein Unterricht für die Kids läuft wirklich gut, sie fangen an ein Verständnis für Englisch zu kriegen und sie machen richtig Fortschritte. Anfangs war alles einfach nur enttäuschend. Ich kann kein richtiges Kiswahili und sie kein Englisch und ich soll ihnen irgendwas beibringen. Doch wir sind auf einen Nenner gekommen und unterrichten uns gegenseitig. Ich liebe es sie zum Lachen zu bringen und ihnen eine Freude zu sein. Ich übe mich in jeglicher handwerklicher Arbeit und repariere Dächer, Fenster, Abflusssysteme und es macht irgendwie Freude, nicht daran zu scheitern. Zurzeit lerne ich Fliesen legen. Ich gehe in letzter Zeit viel Basketball spielen und versuche ihnen ein Geschmack dafür zu geben. Sie sind wirklich gut und haben Spaß daran. Ich habe dort auch ein paar neue Freunde in meinem Alter gewonnen, die es wirklich drauf haben, doch der Weise zeigt ihnen wie es richtig geht. Es ist schwer zu beschreiben und ich bezweifele, dass man es wirklich nachvollziehen kann, doch man entwickelt so eine Liebe zu den Kids, wenn man sich bewusst macht, dass ihnen nicht wirklich viele Menschen bedingungslose Liebe gegeben haben. Und sie suchen unglaublich viel Nähe. Ich wünsche mir manchmal so sehr, dass irgendjemand von euch Freunden, das sehen könnte, denn ich werde es trotz vieler schöner Bilder und vielleicht bedacht gewählter Worte nicht beschreiben können. Ein neues, fremdes Land kann einen mit vielen Dingen beeindrucken und in vielen Bereichen schocken, doch letztlich wird deine Beziehung zu dem Land an dem gemessen, wie viel Liebe du im Umgang mit deinen Mitmenschen erfährst. Diese kleinen, unbedeutenden Momente und die unscheinbaren Begegnungen verändern und sind so unglaublich wertvoll. Mit weitem Blick ist Tansania ein Land meines Herzens. Freunde sagen: „Home is where your heart is!“, doch wo mein Herz sich gerade befindet kann ich nicht ganz genau sagen. Ich bin mir aber ganz sicher, dass Gott es sehr sorgfältig in Seinen Händen hält.
Einer der Pikipikidriver hat mich heute ans Steuer gelassen und ich bin nun zum zweiten Mal im Leben Motorrad gefahren. Fühlt sich afrikansich an. =) Wenn ich durch Morogoro laufe, sprechen mich Leute mit meinem Namen an, die ich noch nie im Leben gesehen habe, wenn ich mit dem Auto über unsere durchlöcherte Straße fahre, rufen Kinder laut: Kaka Paulo...nur weil ich weiß bin! :P =) Es ist schwer sich hier zu verstecken, doch umso bewusster und aufmerksamer lebe ich. Ich bin Gott glaube ich noch nie näher gewesen als gerade zu dieser Zeit. Hier liebe ich und hier lebe ich.
"And the King will answer and say to them, 'Assuredly, I say to you, inasmuch as you did it to one of the least of these My brethren, you did it to Me.' "
Kaka Paulo
Nichtsdestotrotz will ich gerne meine Beziehung zu Tansania ein wenig aufführen und erläutern in welchem Verhältnis wir zueinander stehen.
Man sagt ja immer die inneren Werte zählen, doch schwerer ist es zu lieben, wenn man das Äußere nur ungerne anschaut. Ich wurde von Afrikas schönsten Stränden begrüßt, weiß und blau überlaufen sich und alles scheint noch so unentdeckt, so unberührt, als hätte sie sich so lange für den Richtigen bewahrt. Fotos von Traumstränden mit Palme, Sand und Meer, die ich damals als „nicht von dieser Welt“ kommentiert hätte, habe ich nun selbst geschossen. Jeden Tag Sommer mit voller Hitze habe ich für die ersten drei Wochen gelebt.
Die fruchtbare Hügel- und Gebirgslandschaft am Viktoriasee, der Quelle des Nils, folgte im Anschluss. Ich lebte mit Bananenplantage und grünen Wäldern, Adlern und Affen. Nilpferde und Krokodile machten alles spannend, zeigten sich mir jedoch nicht.
Hinaus aus dem milden Klima ziehe ich in Tansanias Trockenlandschaft, wo sich nur ein paar Sträucher und Mbuyubaum durchgekämpft haben. Straub kriecht mir in die Kehle beim ersten Fußballspiel und die Sonne knallt, bis Arme und Füße braun glühen und ich schwitze. Doch wunderschön erheben sich die Ulugurumountains aus der Ebene und zeigen sich mit den Wolken im ständigen Farbspiel. Die himmlischen Wassertanks versuchen stets vorbeizuziehen, gehen jedoch nicht ohne Schauer zu hinterlassen und alles zu einer saftigen, fruchtbaren Landschaft mit Gold in den Flüssen zu verzaubern. In den höheren Hängen verwächst dichter Regenwald. Aufgrund der momentanen Regenzeit hat sich das Grün des Landes bis hier her gezogen und unsere fein bearbeiteten Shambas blühen und die einstige Steppe ist nur schwer zu durchwandern. Schlangen zeigen sich nur scheu und fürchten menschlichen Schlag.
Und dann spreche ich vom Garten Eden mit allen schönen Tieren dieser Welt, die frei und wild in einem weiten Land leben. Die Serengeti überfällt dich mit seiner Freiheit und lässt dich nicht los, bis in die Tiefe des Ngorongorokraters, dem schönsten Teil dieser Welt. Jede Nacht glitzern die Sterne wie Laternen über diese Welt, doch noch nie waren Sterne so schön und so groß an Zahl wie in der einen Nacht, als ich schweigend vor meinem Zelt in der Serengeti, dem Herzen Tanzanias, den Blick nicht senken konnte.
Nicht zuletzt ist mir das Haupt Tansanias, der Kilimandscharo vor die Augen gekommen und lässt Ehrfurcht walten. Vom höchsten Punkt, durch den schönsten bis hin zum tiefsten ist Tansania gefüllt mit Superlativen, wie nirgendwo anders. Reich an Ressourcen und reich an Schönheit.

Doch noch reicher an Korruption, die das Land trotz großem Schatz den Bach hinunterfährt.
Das Land, mit unglaublich attraktivem Äußeren, kämpft mit folgendem Laster. Mit korrupten Rossen reitet die Regierung Tansania in den Boden. So viel Potential steckt in den Menschen und mit so vielen Ressourcen ist das Land gesegnet, doch 50 Jahre lang frisst das reiche Ross. Angefangen mit dem Mienensektor, der an ausländische Investoren verkauft wurde, wo großes Geld fließt, von dem Tansania nichts zu sehen bekommt. In Form von Joint Ventures wird das Land ausgebeutet und führende Politiker füllen sich ihre Taschen. Das Volk schaut, noch schweigend, dabei zu wie ihre Gold- und Stahlschätze aus dem Land transportiert werden.
Wir sind gerade aus der Serengeti gekommen, als wir an einem schönen Aussichtspunkt über den Lake Manyara auf eine Familie mit zwei aufgemotzten BMWs treffen. Das Nummernschild deutet bereits daraufhin, dass es sich um einen Regierungsmitarbeiter handelt, was sich nach seiner stolzen Vorstellung schnell bestätigt. Er lächelt nur bescheiden, als wir ihn auf seine überteuerten Autos ansprechen und meint, dass das nichts Nennenswertes ist. Er erkundigt sich über unseren Aufenthalt und unsere Herkunft. Wir sagen ihm, dass wir Freiwillige sind, die dem Land helfen wollen, dass seine Regierung ausbeutet. Wie gerne hätte ich ihm das vorgeworfen und ihn darauf angesprochen, wie es möglich ist von einen Tag auf den anderen das Visum von 120 Dollar auf 520 zu erhöhen.
Die Regierung steckt ihre Finger in jedes geldversprechende Unternehmen und beutet es lächelnd aus, während das Volk über Holz und Kohle kocht, im Öllampenlicht lebt und das Wasser auf dem Kopf durch das halbe Dorf trägt. Während die Regierungsleute ein Wochenende in der Serengeti verbringen, sind arme, ungebildete Tansanier noch nie aus ihrem Dorf herausgekommen.
Es mangelt an Geld, um eine gescheite Bildung zu erhalten. Von der Serengeti werden sie wahrscheinlich nie mehr zu sehen bekommen, als die Werbeplakate in den Innenstädten.
Ich unterhalte mich mit dem Pikipikidriver, der mich für 1000 Shilling durch die Innenstadt fährt, der mir stolz alle seine Englischvokabeln präsentiert. Er ist nie zur Schule gegangen, hat sich Lesen und Schreiben selbst beigebracht und lebt von meinem Fahrtgeld. Ich steige in den Bus, wo mir ein gebildeter Abiturient von seinen Auslandsplänen erzählt, die vermutlich nie wahr werden, doch glücklich kann er sich schätzen, dass er die Schule bis zur Form 4 abschließen kann. Für die meisten Kinder reicht das Geld bis zur siebten Klasse und dann leben sie von umgerechnet zwei Euro am Tag, die sie sich auf dem Feld oder auf dem Bau verdient haben. Andere verbringen ihre Zeit damit Zeitungen oder gekochte Eiern auf Busständen zu verkaufen. Die Zeitungen, in denen endlich von der großen Korruption in der Regierung zu lesen ist. Lange genug haben die Tansanier über die Fehlführung gesprochen, langsam fangen sie an aufzustehen. Erste Studentenaufstände werden laut, weil sie die Zusammenhänge verstehen. Bildung macht es möglich, doch so wenige können sie sich leisten. Hinzu kommt die unglaublich inkompetente Lehrbesetzung. An staatlichen Schulen sprechen die Lehrer unglaublich schlechtes Englisch - welche Aussichten haben die vielen Kinder unter diesen Voraussetzungen.
Bei all der Armut verfällt das Volk in paradoxes Materialismusdenken und versucht aus allem Geld zu schöpfen und vor allem bei weißer Hautfarbe eine bettelnde Hand auszustrecken oder überhöhte Preise zu nennen. In 50 Jahren Freiheit sind sie nicht ganz vom Kolonialdenken heruntergekommen und sehen ihre Hoffnung im Westen, doch nur alleine kann man laufen.
Tansanias Laster zieht sich noch weiter über die Gesundheitssituation, wo Tausende an Maleria sterben, weil kein Geld für Medizin reicht, über verfallende Moralvorstellungen voll Unzucht, wo HIV gezielt weitergepasst wird, wo Erwachsene sich an Kindern vergreifen und Kinder Kinder gebären. Diese wiederum landen auf der Straße oder wachsen in Waisenhäusern auf. Nicht zuletzt ist alles von Kriminalität untermalt, wo Raub mit Mord nichts Erschreckendes ist. Ich erreiche unseren Busstand und finde nur einen Pikipikidriver statt den üblichen 60 vor, der mir auf meine verwunderte Nachfrage antwortet, dass alle zur Beerdigung eines verstorbenen Kollegen gefahren sind. Zu Hause angekommen erzähle ich die Geschichte und Neema antwortet mir: Kufa ni kawaida! (Tod ist nichts Ungewöhnliches!). Erschreckende Feststellung einer Zwölfjährigen, doch gesund wird über den Tod nachgedacht und er ist immer real und nah. Je bewusster man sich über den Tod wird, umso klarer lebt man.
Und nun zu dem was mir mein Herz völlig raubt. Immer wieder sprechen dich Leute in der Öffentlichkeit an und nach kurzem Überfliegen des Smalltalkgelabers geht es um das Echte. Gott ist real und eine Leidenschaft für ihn kann ich mit fast allen teilen. Es gibt keine Hemmungen und Tabus, die beim Thema Glauben erst übersprungen werden müssen und die Frage, ob es einen Gott gibt, ist völlig überflüssig. Jede Unterhaltung wird damit beendet, dass man sich gegenseitig zu sich nach Hause einlädt. Zu Gast bei ihnen haben sie nicht viel zu bieten, doch über ihre Kosten geben sie. Ehrliche Gastfreundschaft erfährt man und man trifft immer wieder auf liebevolle, ehrliche, mit Freude gefüllte Tansanier, die trotz all der schwierigen Umstände das Echte behalten haben. Das Echte, das in Deutschland vom Materialismus gefressen wird und vom Belanglosen verschluckt wird.
Ich bin gerade in einem Restaurant und versuche ein wenig Abwechslung in den Alltag zu bringen. Ich hab wirklich schönen Blick auf die Berge und Daladala, Pikipiki und Fahrrad rauschen afrikanisch auf der Straße vorbei. Es fühlt sich gerade wirklich gut an auf Reise zu sein und ich habe Frieden. Ich habe wirklich schöne Zeiten mit den Kids. Sie öffnen sich mir, sind mir wirklich Freund und lieben mich. Es macht alles so schön, wenn man Menschen um sich herum hat, die einen lieben. Wenn man selber liebt, ist man glücklich. Gestern haben wir den Generator angeschlossen und das Spiel Bayern gegen Real geschaut - ein wirklich sehr schönes Spiel und die richtige Mannschaft hat gewonnen. Es hat gut getan ein wenig Deutschland gemeinsam zu beobachten, auch wenn sie, mir zum Trotz, alle für Real Madrid gejubelt haben. Mein Unterricht für die Kids läuft wirklich gut, sie fangen an ein Verständnis für Englisch zu kriegen und sie machen richtig Fortschritte. Anfangs war alles einfach nur enttäuschend. Ich kann kein richtiges Kiswahili und sie kein Englisch und ich soll ihnen irgendwas beibringen. Doch wir sind auf einen Nenner gekommen und unterrichten uns gegenseitig. Ich liebe es sie zum Lachen zu bringen und ihnen eine Freude zu sein. Ich übe mich in jeglicher handwerklicher Arbeit und repariere Dächer, Fenster, Abflusssysteme und es macht irgendwie Freude, nicht daran zu scheitern. Zurzeit lerne ich Fliesen legen. Ich gehe in letzter Zeit viel Basketball spielen und versuche ihnen ein Geschmack dafür zu geben. Sie sind wirklich gut und haben Spaß daran. Ich habe dort auch ein paar neue Freunde in meinem Alter gewonnen, die es wirklich drauf haben, doch der Weise zeigt ihnen wie es richtig geht. Es ist schwer zu beschreiben und ich bezweifele, dass man es wirklich nachvollziehen kann, doch man entwickelt so eine Liebe zu den Kids, wenn man sich bewusst macht, dass ihnen nicht wirklich viele Menschen bedingungslose Liebe gegeben haben. Und sie suchen unglaublich viel Nähe. Ich wünsche mir manchmal so sehr, dass irgendjemand von euch Freunden, das sehen könnte, denn ich werde es trotz vieler schöner Bilder und vielleicht bedacht gewählter Worte nicht beschreiben können. Ein neues, fremdes Land kann einen mit vielen Dingen beeindrucken und in vielen Bereichen schocken, doch letztlich wird deine Beziehung zu dem Land an dem gemessen, wie viel Liebe du im Umgang mit deinen Mitmenschen erfährst. Diese kleinen, unbedeutenden Momente und die unscheinbaren Begegnungen verändern und sind so unglaublich wertvoll. Mit weitem Blick ist Tansania ein Land meines Herzens. Freunde sagen: „Home is where your heart is!“, doch wo mein Herz sich gerade befindet kann ich nicht ganz genau sagen. Ich bin mir aber ganz sicher, dass Gott es sehr sorgfältig in Seinen Händen hält.
Einer der Pikipikidriver hat mich heute ans Steuer gelassen und ich bin nun zum zweiten Mal im Leben Motorrad gefahren. Fühlt sich afrikansich an. =) Wenn ich durch Morogoro laufe, sprechen mich Leute mit meinem Namen an, die ich noch nie im Leben gesehen habe, wenn ich mit dem Auto über unsere durchlöcherte Straße fahre, rufen Kinder laut: Kaka Paulo...nur weil ich weiß bin! :P =) Es ist schwer sich hier zu verstecken, doch umso bewusster und aufmerksamer lebe ich. Ich bin Gott glaube ich noch nie näher gewesen als gerade zu dieser Zeit. Hier liebe ich und hier lebe ich.
"And the King will answer and say to them, 'Assuredly, I say to you, inasmuch as you did it to one of the least of these My brethren, you did it to Me.' "
Kaka Paulo
Mittwoch, 28. März 2012
True Love Remains (song)
dedicated to the true ones
True Love Remains (click to listen)
I saw you from far away
the same smile even though years passed by
Thoughts struggling all on the way
What should I say?
I made up for one embrace
Feelings where all my words fail
Thousand years could have passed
It feels like we've seen yesterday
The distance can't swallow
Friends stay friends
Time can't eat what is real
Travelling filters, time is a sieve
True love remains
We talk like I've never left
We laugh till it hurts in chest
When 80 years on our back
Silent memory of times I'll call best
When you have been by my side
When you have been by my side
I'm so glad to hold you in my arms again
Won't leave you again
when I hold you in my arms again
True Love Remains (click to listen)
I saw you from far away
the same smile even though years passed by
Thoughts struggling all on the way
What should I say?
I made up for one embrace
Feelings where all my words fail
Thousand years could have passed
It feels like we've seen yesterday
The distance can't swallow
Friends stay friends
Time can't eat what is real
Travelling filters, time is a sieve
True love remains
We talk like I've never left
We laugh till it hurts in chest
When 80 years on our back
Silent memory of times I'll call best
When you have been by my side
When you have been by my side
I'm so glad to hold you in my arms again
Won't leave you again
when I hold you in my arms again
Montag, 12. März 2012
Southafrica - zwischen Weltmeeren
Unschlüssig lassen die Wolken leichten Schauer fallen, doch richtiger Regen bleibt aus. Nach ein paar Tagen praller Sonne, trauert diese Welt nun. Mein erster Blick auf Festland aus dem Quadratfenster des Fliegers, hat mir einen ersten Eindruck von Südafrika gegeben, der sich schnell groß entwickelt hat, bis zu der Einstellung, die ich nun diesem Land gegenüber habe. Während Traumhäuser auf weitem Land vorbeirauschen, wo der nächste Nachbar fast außer Blickweite wohnt, überfliegen wir den eingezäunten Hüttenkomplex, der nur schwer von einer Müllhalde zu unterscheiden ist – Townships. Wir landen, laufen den Flughafen entlang und alles ist weiß, außer der Bedienung in den Fastfoodrestaurants. Bei einem kurzen Tritt aus dem Terminal treffen wir auf die neusten Modelle deutscher Autos. Geschockt nehmen wir den Anschlussflug nach George und fast ausnahmslos ist das Flugzeug mit weißen Südafrikanern gefüllt.
In George werden wir von David und Flo am Flughafen erwartet und treten unsere fast zweistündige Reise nach Plettenberg Bay an über die Gardenroute, der vielleicht schönste Highway der Welt. Durch Bergtäler, an unzähligen Seen vorbei, durch Waldgebiete und oft mit schönstem Blick auf den indischen Ozean passieren wir links Security Resorts der Reichen und rechts die Townships. So paradox klingt diese krasse Trennung von Arm und Reich in einer so schönen Naturwelt.
In einem luxuriös, eingerichteten Hotel werden wir einquartiert mit eigenem Bad und Badewanne, einer Bar, vollem Kühlschrank, Fernseher und Federbett. Ein Schock für jemanden, der grad aus tansanischer Hüttenwelt angereist kommt. Die Seminartage gestalten wir ganz frei und ohne großes Raster. Eindrücke werden reflektiert und bereits gewonnene, seelische Schätze herausgearbeitet – Bildungsurlaub am Strand, bei einer Wanderung über den Robberg und bei gutem Essen im Spur. Nach fünf Monaten wurde ich endlich wieder an den Geschmack eines guten Burgers erinnert und mein Geld fliegt dahin für gutes Bier.
Eine sehr ausgefüllte Woche in denen Träume wahr werden. Nach 21 Jahren reite ich zum ersten Mal eine Welle und versuche die Gewalt des Ozeans zu kontrollieren und von dem Surferfreiheitsgefühl zu naschen. Nach zwei Tagen habe ich Ganzkörperprellungen und mein Bauch ist blutgereizt und ich liebe diesen Traumsport.
Ich nähre mich immer mehr dem Rand der Brücke, wo es über zwei Hundert Meter in die Tiefe geht. Mit den Zehen über dem Abgrund, atme ich tief und springe gefasst und genieße die sechs Sekunden Freiheit, bis mich das Seil an meinen Füßen wieder zurückholt und ich kopfüber in schöner Landschaft baumel. Die höchste Bungeebrücke der Welt – tick.
Bei einem Blick auf Südafrikas Landkarte werde ich von Afrikas südlichsten Punkt gereizt und schnell stehen wir mit ausgestrecktem Daumen am Straßenrand auf dem Weg nach Cape Agulhas, dem Grenzpunkt zwischen indischem und atlantischem Ozean. Auf den Ladeflächen der Farmertrucks reiten wir immer weiter in den Süden. Der zwei Stunden Fußhike durch die Wüste gibt mir das Gefühl, dass die Welt mir allein gehört und lässt mich Wasser zutiefst schätzen. Wenn Wasser in der Wüste knapp wird, ist das Pfützenwasser der Schafe auf dem Feld eine richtige Versuchung. Wie gut es tut, Gutes mal zu missen, um es anschließend richtig zu genießen. Nach weiterem Lift und letztlich etwa 400 km Weg im Rücken, checken wir im Backpackers ein und geben uns der Magie des Meeres hin. Der menschenleere Strand lässt mich einfach loslaufen mit sich ständig durchkämpfenden Lächeln im Gesicht. Ich kehre wieder um und treffe auf Krespo, der die Ruhe in der Nähe des Meeres sucht für Besinnung zu Gott. Ohne groß an der Oberfläche zu schwimmen, sprechen wir eine Stunde lang über sein Leben im Township, wie Gott doch alles ist, wie hart das Leben mit den Weisen ist, über die Diskriminierung der Schwarzen, die schockierende HIV Rate von 75 Prozent an seiner alten Schule, das nächtliche Unzuchtleben, bis mir kalt wird und ich laufe. Eine der wenigen Begegnungen, die prägen und den Verstand umkrempeln. Ein schockierendes Gespräch über die Glaubens- und Sündenwelt der Schwarzen. Nachdem ich fünf Monate weiß unter schwarz gewesen bin, liegen sie mir ganz besonders am Herzen, doch ich merke, dass sie mir hier mit gerechtfertigter Abneigung begegnen. In den Köpfen der Weisen herrscht Apartheiddenken, bestätigt durch rassistische Kommentare, doch mir begegnen sie liebevoll, offen und geben ein Freiheitsgefühl weiter, dass an anderen Orten fehlt. Nur zwanzig Prozent der Bevölkerung sollen scheinbar weiß sein, doch wer in die Innenstadt geht, am Strand liegt, in Bars ein Kühles trinkt, bekommt das Gefühl, dass alle weiß sind. Von dem Leben in den Townships wird wie von einer Kriminalwelt gesprochen, von der ich selbst nach meinem kleinen Besuch nichts bemerkt habe. Selbst der nächtliche Barbesuch gibt uns das Gefühl, dass sie sich freuen, dass sich jemand in ihre Welt rein traut. Das Bild, dass hier vollkommen Hurerleben geführt wird, ist leicht zu glauben, wenn man ihren Umgang miteinader kurz beobachtet. Jeder zweite in einem Township soll Aids haben und fast alle rauchen Gras und Alkohol wird über den Tag hinweg geschluckt. Dass jemand sein Leben bei einem Messerüberfall verliert, erregt nicht groß Aufsehen.
Mit Fahrrad schaffen wir auch die letzten sechs Kilometer bis ein ganzer Kontinent hinter uns liegt. Geographisch gesehen ein gewaltiger Ort - Weltmeere ringen miteinander.
Die Zeit am südlichsten Punkt Afrikas haben wir mit viel Bier und einer Nacht im völlig leeren Club vertanzt. Selten hat Tanzen so Spaß gemacht, wenn die Musik nur für dich spielt und dir der ganze Club gehört.
Morgan William, der Skater, der den ganzen Kontinent per Anhalter durchkreuzt ist, als Photograph arbeitet und gerade von zuhause geflohen ist, um ein Neues Leben in England anzufangen, bringt zum Nachdenken. Nachdem er mich gnadenlos bei ein paar Runden Skate auf dem Highway nieder gemacht hat, wir über Gott und die Welt gesprochen haben, rollt er nur mit Skateboard und einer Jacke einem neuen Leben entgegen.
Der krasse Unterschied von arm und reich, schwarz und weiß ist nur schwer zu schlucken, doch im Gesamtbetracht ist Südafrika ein Traumland für individuell Reisende. Ich lasse Südafrika, das nur so wenig von Afrika hat, hinter mir und kehre zurück in mein Township, Tanzania, meine Heimat.
Welt bricht auseinander und ich mache mir mein eigenes Bild davon. Ich bin der fragend Reisende und Liebe ist die Antwort.
In George werden wir von David und Flo am Flughafen erwartet und treten unsere fast zweistündige Reise nach Plettenberg Bay an über die Gardenroute, der vielleicht schönste Highway der Welt. Durch Bergtäler, an unzähligen Seen vorbei, durch Waldgebiete und oft mit schönstem Blick auf den indischen Ozean passieren wir links Security Resorts der Reichen und rechts die Townships. So paradox klingt diese krasse Trennung von Arm und Reich in einer so schönen Naturwelt.
In einem luxuriös, eingerichteten Hotel werden wir einquartiert mit eigenem Bad und Badewanne, einer Bar, vollem Kühlschrank, Fernseher und Federbett. Ein Schock für jemanden, der grad aus tansanischer Hüttenwelt angereist kommt. Die Seminartage gestalten wir ganz frei und ohne großes Raster. Eindrücke werden reflektiert und bereits gewonnene, seelische Schätze herausgearbeitet – Bildungsurlaub am Strand, bei einer Wanderung über den Robberg und bei gutem Essen im Spur. Nach fünf Monaten wurde ich endlich wieder an den Geschmack eines guten Burgers erinnert und mein Geld fliegt dahin für gutes Bier.
Eine sehr ausgefüllte Woche in denen Träume wahr werden. Nach 21 Jahren reite ich zum ersten Mal eine Welle und versuche die Gewalt des Ozeans zu kontrollieren und von dem Surferfreiheitsgefühl zu naschen. Nach zwei Tagen habe ich Ganzkörperprellungen und mein Bauch ist blutgereizt und ich liebe diesen Traumsport.
Ich nähre mich immer mehr dem Rand der Brücke, wo es über zwei Hundert Meter in die Tiefe geht. Mit den Zehen über dem Abgrund, atme ich tief und springe gefasst und genieße die sechs Sekunden Freiheit, bis mich das Seil an meinen Füßen wieder zurückholt und ich kopfüber in schöner Landschaft baumel. Die höchste Bungeebrücke der Welt – tick.
Bei einem Blick auf Südafrikas Landkarte werde ich von Afrikas südlichsten Punkt gereizt und schnell stehen wir mit ausgestrecktem Daumen am Straßenrand auf dem Weg nach Cape Agulhas, dem Grenzpunkt zwischen indischem und atlantischem Ozean. Auf den Ladeflächen der Farmertrucks reiten wir immer weiter in den Süden. Der zwei Stunden Fußhike durch die Wüste gibt mir das Gefühl, dass die Welt mir allein gehört und lässt mich Wasser zutiefst schätzen. Wenn Wasser in der Wüste knapp wird, ist das Pfützenwasser der Schafe auf dem Feld eine richtige Versuchung. Wie gut es tut, Gutes mal zu missen, um es anschließend richtig zu genießen. Nach weiterem Lift und letztlich etwa 400 km Weg im Rücken, checken wir im Backpackers ein und geben uns der Magie des Meeres hin. Der menschenleere Strand lässt mich einfach loslaufen mit sich ständig durchkämpfenden Lächeln im Gesicht. Ich kehre wieder um und treffe auf Krespo, der die Ruhe in der Nähe des Meeres sucht für Besinnung zu Gott. Ohne groß an der Oberfläche zu schwimmen, sprechen wir eine Stunde lang über sein Leben im Township, wie Gott doch alles ist, wie hart das Leben mit den Weisen ist, über die Diskriminierung der Schwarzen, die schockierende HIV Rate von 75 Prozent an seiner alten Schule, das nächtliche Unzuchtleben, bis mir kalt wird und ich laufe. Eine der wenigen Begegnungen, die prägen und den Verstand umkrempeln. Ein schockierendes Gespräch über die Glaubens- und Sündenwelt der Schwarzen. Nachdem ich fünf Monate weiß unter schwarz gewesen bin, liegen sie mir ganz besonders am Herzen, doch ich merke, dass sie mir hier mit gerechtfertigter Abneigung begegnen. In den Köpfen der Weisen herrscht Apartheiddenken, bestätigt durch rassistische Kommentare, doch mir begegnen sie liebevoll, offen und geben ein Freiheitsgefühl weiter, dass an anderen Orten fehlt. Nur zwanzig Prozent der Bevölkerung sollen scheinbar weiß sein, doch wer in die Innenstadt geht, am Strand liegt, in Bars ein Kühles trinkt, bekommt das Gefühl, dass alle weiß sind. Von dem Leben in den Townships wird wie von einer Kriminalwelt gesprochen, von der ich selbst nach meinem kleinen Besuch nichts bemerkt habe. Selbst der nächtliche Barbesuch gibt uns das Gefühl, dass sie sich freuen, dass sich jemand in ihre Welt rein traut. Das Bild, dass hier vollkommen Hurerleben geführt wird, ist leicht zu glauben, wenn man ihren Umgang miteinader kurz beobachtet. Jeder zweite in einem Township soll Aids haben und fast alle rauchen Gras und Alkohol wird über den Tag hinweg geschluckt. Dass jemand sein Leben bei einem Messerüberfall verliert, erregt nicht groß Aufsehen.
Mit Fahrrad schaffen wir auch die letzten sechs Kilometer bis ein ganzer Kontinent hinter uns liegt. Geographisch gesehen ein gewaltiger Ort - Weltmeere ringen miteinander.
Die Zeit am südlichsten Punkt Afrikas haben wir mit viel Bier und einer Nacht im völlig leeren Club vertanzt. Selten hat Tanzen so Spaß gemacht, wenn die Musik nur für dich spielt und dir der ganze Club gehört.
Morgan William, der Skater, der den ganzen Kontinent per Anhalter durchkreuzt ist, als Photograph arbeitet und gerade von zuhause geflohen ist, um ein Neues Leben in England anzufangen, bringt zum Nachdenken. Nachdem er mich gnadenlos bei ein paar Runden Skate auf dem Highway nieder gemacht hat, wir über Gott und die Welt gesprochen haben, rollt er nur mit Skateboard und einer Jacke einem neuen Leben entgegen.
Der krasse Unterschied von arm und reich, schwarz und weiß ist nur schwer zu schlucken, doch im Gesamtbetracht ist Südafrika ein Traumland für individuell Reisende. Ich lasse Südafrika, das nur so wenig von Afrika hat, hinter mir und kehre zurück in mein Township, Tanzania, meine Heimat.
Welt bricht auseinander und ich mache mir mein eigenes Bild davon. Ich bin der fragend Reisende und Liebe ist die Antwort.
We got more of everything
verliert alles. Einer Leidenschaft folgend finde ich alles, was ich
zum Leben brauche. Was nuetzt mir die Welt, wenn ich meine Seele
verliere. Doch wie schoen ist sie, wenn man weiss wofuer, wovon und
fuer wen man lebt. Ich kreuze den letzten fuer mich unerschlossenen
Teil Afrikas und komme Afrikas Spitze immer naeher und Heimat ist
immer weiter entfernt. 10000 Meilen liegen etwa zwischen dem, wer ich
war und wer ich gerade bin. "When I first start traveling". Anfangs
hing mein Herz noch so an Dingen, die mich ausmachten, doch Zeit
vergeht und Herz veraendert sich und laesst los. Ich fliege. Der
rechte Fluegelarm des Fliegers sagt: "Do not walk outside this area",
doch viel zu weit bin ich nun hinausgetreten. Waehrend ich die
tansanische Tageszeitung auf Kiswahili lese, auch wenn noch nicht in
jedem Detail verstehe, den Kids schwer Tschuess gesagt habe, durch
etwa sechs briefliche Liebesgestaendnisse motiviert bin bald zurueck
zu kommen, komme ich zunaechst mit Bus in Dar Es Salaam an und merke,
dass diese Stadt eine ganz andere ist, wenn man irgendwie dazu
gehoert. Sprache oeffnet unglaubliche Tueren. Die Taxifahrer sind auf
einmal Freunde und weiss zu sein macht fast Spass, wenn man immer
wieder erstaunte Dankbarkeit ausgesprochen bekommt, dass man sich so
der Sprache, der Kultur hingegeben hat. Ueber die Witze des Kondakters
(Schaffner) kann mitgelacht werden und Mzungukommentare werden
gekontert. Ich treffe Joseph in der Stadt und unsere Unterhaltung
findet ausschliesslich in Kiswahili statt, zur Verwunderung all der
Weissen, die ebenfalls im YMCA speisen. In Korasini, bei Tabeas
Strassenjungs, wird mir nochmal klar, was fuer einen heftigen Dienst
diese Frau im Verborgenen tut. Noch bis spaet in den Abend erzaehlt
sie mir Davids Lebensgeschichte, dem Typen, den ich beim Eintreten
kurz getroffen habe.
[zenziert - frag nach, wenn Interesse]
Jeder von Tabeas Jungs hat unglaubliche Geschichten und auf den Strassen,
auf dem Pikipiki, auf dem Schiff erzaehlen mir Leute von ihrem Leben,
von ihrer Gegenwart, ihrer Zukunft und ich schlucke - in welch
Gegenwart wir leben.
Ich bin auf dem Weg nach Suedafrika, afrikanischer Fluchtort,
afrikanisches Europa, der Himmel in Afrika, gepraegt von hohem
Lebensstandard und den Townships, von gehobener Gesellschaft und den
Schwarzen, die um ihr Leben kaempfen. Ich bin gespannt, wie dieser
Teil Afrikas auf mich wirkt und wieviel von der Apartheid noch zu
spueren ist. Zwei Wochen werden nicht reichen um alles zu fassen, doch
einen kleinen Eindruch werde ich sicherlich erhalten. Das Flugzeug
setzt nun zur Landung ein und ich freue mich in zwei Wochen in meine
afrikanische Heimat zurueck zu kehren.
Dienstag, 21. Februar 2012
Afrikanischer Alltag
Nachdem anfangs alles neu, alles fremd, alles aufregend war, lebe ich nun im afrikanischen Alltag. Ich beginne meinen Tag damit die Kinder aus dem Bett zu reißen, reite sie über afrikanische Offroadstraße zur Schule. Dann suche ich mir Arbeit in der Shamba, pinsel durch die Gegend, lege Fundamente, spiele hier und da Fundi (Handwerker), räume Lager ein, um es später wieder auszuräumen, buddel Löcher in den Boden und erledige Einkäufe. Zur Mittagszeit, wenn die Sonne senkrecht auf den Kopf knallt geht es durch Morogorowelt und ich komme mit Kindern zurück. Am Nachmittag bin ich Mwalimu Paulo (Lehrer) und unterrichte Englisch in Kiswahili und wunder mich, dass es funktioniert. So wie überall nach einiger Zeit, lebe ich in Gewohnheit und mit Ehrfurcht begegne ich ihr. Gewohnheit lässt dich vergessen wo du bist, raubt dir die Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge, lässt dich vergessen zu danken oder man dankt aus Gewohnheit ohne nötigen Ernst. Gewohnheit nimmt dir die Fähigkeit zu schätzen. Vor Gewohnheit bin ich einst geflohen und finde mich wieder in Gewohnheit.
Ich bete für die erste Liebe, die mir die erste Zeit so besonders gemacht hat und mich sprachlos dieser Welt gestellt hat. Ich bete nicht den Sinn zu verlieren, in meinen Taten und das einzig richtige Motiv der LIebe zu gebrauchen. Ich bete für anhaltende Freude, trotz gelegentlicher Mutlosigkeit. Wo ich anfangs der Exot in einer exotischen Welt war, gehöre ich heute einfach dazu und es raubt ein wenig die Motivation, wenn man keine Dankbarkeit verspürt. Heute laufen mir Biana und Ratifa entgegen und übergeben mir einen Brief von Rehema, der mich trotz einfacher Worte fasst zu Tränen gerührt hat. Für jede noch sie kleine Tag spricht sie aufmerksam Dank aus und schätzt, dass ich mich ihrer Welt hingebe und schließt mit den Worten. „I love you so much“. Ich realisiere, dass hier das erste Mal konkret Dank ausgesprochen wurde und schätze es vom tiefstem Herzen. Wo ich vorhin noch an dem Sinn meiner Taten gezweifelt habe, wächst neue Motivation. Zu Abend habe ich ein halbes Dutzend Briefe zu beantworten und verstehe ich bin geliebt an diesem Ort. Ich merke wie sehr ich sie liebe. Die kleinen unbedeutenden Momente, die keinen interessieren, machen den Alltag so besonders.
Kaka Benni ist zur Zeit mein Mitbewohner und ich habe einen Seelenverwandten in ihm gefunden. Er ist Opfer der Flutkatastrophe in Dar Es Salaam und hat sein ganzes Hab und Gut verloren, samt Kleidung und Möbel. Ein Bett ohne Matratze ist ihm geblieben. Ein paar meiner Kleidungsstücke gehören bereits ihm. Die Gemeinschaft mit ihm tut mir gut und ich lache herzhaft und fühle wachsende Freundschaft, die noch lange hält.
Übermorgen besteige ich den Flieger nach Südafrika für das Zwischenseminar und bin gespannt wie diese Ecke Afrikas auf mich wirkt. In Plettenberg Bay ist die höchste Brücke weltweit, von der ein Bungeesprung möglich ist. Wer weiß, ein Sprung hinaus aus der Gewohnheit?
Mein Typhuswert ich noch nicht gesunken, ich fühle aber keine Symptome. Verharrt bitte im Gebet!
In Liebe
Ich bete für die erste Liebe, die mir die erste Zeit so besonders gemacht hat und mich sprachlos dieser Welt gestellt hat. Ich bete nicht den Sinn zu verlieren, in meinen Taten und das einzig richtige Motiv der LIebe zu gebrauchen. Ich bete für anhaltende Freude, trotz gelegentlicher Mutlosigkeit. Wo ich anfangs der Exot in einer exotischen Welt war, gehöre ich heute einfach dazu und es raubt ein wenig die Motivation, wenn man keine Dankbarkeit verspürt. Heute laufen mir Biana und Ratifa entgegen und übergeben mir einen Brief von Rehema, der mich trotz einfacher Worte fasst zu Tränen gerührt hat. Für jede noch sie kleine Tag spricht sie aufmerksam Dank aus und schätzt, dass ich mich ihrer Welt hingebe und schließt mit den Worten. „I love you so much“. Ich realisiere, dass hier das erste Mal konkret Dank ausgesprochen wurde und schätze es vom tiefstem Herzen. Wo ich vorhin noch an dem Sinn meiner Taten gezweifelt habe, wächst neue Motivation. Zu Abend habe ich ein halbes Dutzend Briefe zu beantworten und verstehe ich bin geliebt an diesem Ort. Ich merke wie sehr ich sie liebe. Die kleinen unbedeutenden Momente, die keinen interessieren, machen den Alltag so besonders.
Kaka Benni ist zur Zeit mein Mitbewohner und ich habe einen Seelenverwandten in ihm gefunden. Er ist Opfer der Flutkatastrophe in Dar Es Salaam und hat sein ganzes Hab und Gut verloren, samt Kleidung und Möbel. Ein Bett ohne Matratze ist ihm geblieben. Ein paar meiner Kleidungsstücke gehören bereits ihm. Die Gemeinschaft mit ihm tut mir gut und ich lache herzhaft und fühle wachsende Freundschaft, die noch lange hält.
Übermorgen besteige ich den Flieger nach Südafrika für das Zwischenseminar und bin gespannt wie diese Ecke Afrikas auf mich wirkt. In Plettenberg Bay ist die höchste Brücke weltweit, von der ein Bungeesprung möglich ist. Wer weiß, ein Sprung hinaus aus der Gewohnheit?
Mein Typhuswert ich noch nicht gesunken, ich fühle aber keine Symptome. Verharrt bitte im Gebet!
In Liebe
Dienstag, 7. Februar 2012
Mein Ringen
Alles, was auf mich wirkt ist so momenthaft und sprunghaft, dass nicht einmal meine Seele alles gefasst bekommt, wie soll Verstand da hinterher kommen? Mit Verstand wird geschrieben, doch mein Herz hat so viel zu sagen, was Stift und Papier nur begrenzen. Und immer wieder klage ich und finde mich wieder mit diesen einleitenden Zeilen, die die Unvollkommenheit des Geschriebenen entschuldigen. Immer wieder greife ich zu denselben Worten und Fachbegriffe, die minimalisieren, fehlen mir. Ich schreibe, weil ich alleine bin - ich schreibe, um zu sehen, dass ich nicht alleine bin.
Solange quält man sich mit seiner Unzulänglichkeit, bis man sie eingesteht und erkennt, dass man doch nicht alleine ist. Ein oder zwei Talente hat mir mein Herr mit auf den Weg gegeben, mit denen ich mich durch die Welt kämpfe. Nur so leicht bepackt habe ich Heimat verlassen, doch der Gebrauch schafft mein Ringen.
Ich schreibe, spiele die Saiten, dichte und singe mit gegebener Leichtigkeit. „ich kann“ spricht meine Seele und lässt mich glücklich, doch stolz. Erinnerung sticht mir in den Kopf und zeigt mir mich selbst vor Menschen, die bedauernd schweigen, als ich mich dermaßen in der Wortwahl mit irreführendem Gedankengang vergriffen habe. Ich versinke in meiner Schwachheit und grabe tief für die ein oder zwei Talente. Stolz zieht in die Höhe, während meine Schwachheit mit vollem Gewicht der Gravitation nachgibt. Ich zerreiße mich selbst.
Geist, gib mir Dein Maß und lass all meine Stärke meine Schwachheit sein, durch die Du stark bist. Ich habe keine Stärke, die nicht durch Dich aus Schwachheit heraus gewachsen ist. Von mir wegblickend, hoch hinauf, schaue ich.
Ohne große Gedanken, nimmt der halb bekleidete, belustigende Mann meine Aufmerksamkeit mit den Worten: „Wir sind uns ziemlich ähnlich, da wir den gleichen Vater haben, aber verschiedene Mütter.“ Nach scherzhaftem weiteren Vergleichen, verabschiedet er sich schnell: „Wir treffen uns dann morgen wieder hier!“ Ich befinde mich in einer leicht belebten Gasse irgendwo in der Stadt. Wie erleichternd diese Erkenntnis von einem Schwarzen, auch wenn von der Gesellschaft vielleicht für verrückt Erklärtem, vermittelt zu bekommen…
Ich ziehe weiter und meine Gedanken bleiben an dem in einem Reifen sitzenden, von der Masse umjubelten Mann hängen. Lachend und applaudierend erfreut sich die Menge an ihrem Erfolg und feiert den Umzingelten. Regungslos sitzt er da, während seine Frau bei schwachem Licht der Öllampe, mit ein paar Eimern Wasser und vielleicht drei Kindern auf seine Rückkehr wartet. Das Wasser steht schon über der Flamme und braucht seine Zeit, bis es bei der schwachen Glut zum Kochen kommt. Das Verkaufen von tansanischen Flaggen, hat sich der Vater im Reifen zum Beruf gemacht und reicht nicht aus um seine fünfköpfige Familie durchzubringen. Not gibt Mut zu unvergesslicher Tat. Sein Tageslohn hat heute nicht für den Einkauf des Ugalimehles gereicht und das Wasser mit dem aufsteigenden Dampf siedet schon. Nur ein Handgriff, genug für den heutigen Abend, um morgen einen neuen Versuch mit seinen tansanischen Flaggen zu starten. Nur eine Handvoll brauchte er zum Leben an diesem Abend. Eine Handvoll hat gereicht. „Mwizi, mwizi“ waren die Worte, die das Schauspiel mit dem Reifen eingeleitet haben. Die Worte, mit denen sie ihren Erfolg rechtfertigen, während ich völlig entsetzt im Kreis stehe und an das bereits abgekochte Wasser in der Lehmhütte denke.
Zakarias Beschreibung von diesem, von ihm gesehenen, verkohlten Mannes im Autoreifen, hat mich an seine mögliche Geschichte denken lassen, die er keinem erzählen kann und mich sie einfach erfinden lassen hat, doch so wahr ist sie in dieser Welt. Es waren die Leute, denen ich täglich auf der Straße begegne, die mich stets grüßen und mich drängend zu sich nach Hause einladen, um ihren letzten Sack Ugalimehl aufzubrauchen. Es waren eben diese Leute, die lachend im Kreis standen. Jeder, der versucht einen Dieb zu verteidigen, darf sich ihm anschließen und seine letzten Minuten brennend in einem Autoreifen verbringen oder man wird ans Kreuz gehängt.
Solange quält man sich mit seiner Unzulänglichkeit, bis man sie eingesteht und erkennt, dass man doch nicht alleine ist. Ein oder zwei Talente hat mir mein Herr mit auf den Weg gegeben, mit denen ich mich durch die Welt kämpfe. Nur so leicht bepackt habe ich Heimat verlassen, doch der Gebrauch schafft mein Ringen.
Ich schreibe, spiele die Saiten, dichte und singe mit gegebener Leichtigkeit. „ich kann“ spricht meine Seele und lässt mich glücklich, doch stolz. Erinnerung sticht mir in den Kopf und zeigt mir mich selbst vor Menschen, die bedauernd schweigen, als ich mich dermaßen in der Wortwahl mit irreführendem Gedankengang vergriffen habe. Ich versinke in meiner Schwachheit und grabe tief für die ein oder zwei Talente. Stolz zieht in die Höhe, während meine Schwachheit mit vollem Gewicht der Gravitation nachgibt. Ich zerreiße mich selbst.
Geist, gib mir Dein Maß und lass all meine Stärke meine Schwachheit sein, durch die Du stark bist. Ich habe keine Stärke, die nicht durch Dich aus Schwachheit heraus gewachsen ist. Von mir wegblickend, hoch hinauf, schaue ich.
Ohne große Gedanken, nimmt der halb bekleidete, belustigende Mann meine Aufmerksamkeit mit den Worten: „Wir sind uns ziemlich ähnlich, da wir den gleichen Vater haben, aber verschiedene Mütter.“ Nach scherzhaftem weiteren Vergleichen, verabschiedet er sich schnell: „Wir treffen uns dann morgen wieder hier!“ Ich befinde mich in einer leicht belebten Gasse irgendwo in der Stadt. Wie erleichternd diese Erkenntnis von einem Schwarzen, auch wenn von der Gesellschaft vielleicht für verrückt Erklärtem, vermittelt zu bekommen…
Ich ziehe weiter und meine Gedanken bleiben an dem in einem Reifen sitzenden, von der Masse umjubelten Mann hängen. Lachend und applaudierend erfreut sich die Menge an ihrem Erfolg und feiert den Umzingelten. Regungslos sitzt er da, während seine Frau bei schwachem Licht der Öllampe, mit ein paar Eimern Wasser und vielleicht drei Kindern auf seine Rückkehr wartet. Das Wasser steht schon über der Flamme und braucht seine Zeit, bis es bei der schwachen Glut zum Kochen kommt. Das Verkaufen von tansanischen Flaggen, hat sich der Vater im Reifen zum Beruf gemacht und reicht nicht aus um seine fünfköpfige Familie durchzubringen. Not gibt Mut zu unvergesslicher Tat. Sein Tageslohn hat heute nicht für den Einkauf des Ugalimehles gereicht und das Wasser mit dem aufsteigenden Dampf siedet schon. Nur ein Handgriff, genug für den heutigen Abend, um morgen einen neuen Versuch mit seinen tansanischen Flaggen zu starten. Nur eine Handvoll brauchte er zum Leben an diesem Abend. Eine Handvoll hat gereicht. „Mwizi, mwizi“ waren die Worte, die das Schauspiel mit dem Reifen eingeleitet haben. Die Worte, mit denen sie ihren Erfolg rechtfertigen, während ich völlig entsetzt im Kreis stehe und an das bereits abgekochte Wasser in der Lehmhütte denke.
Zakarias Beschreibung von diesem, von ihm gesehenen, verkohlten Mannes im Autoreifen, hat mich an seine mögliche Geschichte denken lassen, die er keinem erzählen kann und mich sie einfach erfinden lassen hat, doch so wahr ist sie in dieser Welt. Es waren die Leute, denen ich täglich auf der Straße begegne, die mich stets grüßen und mich drängend zu sich nach Hause einladen, um ihren letzten Sack Ugalimehl aufzubrauchen. Es waren eben diese Leute, die lachend im Kreis standen. Jeder, der versucht einen Dieb zu verteidigen, darf sich ihm anschließen und seine letzten Minuten brennend in einem Autoreifen verbringen oder man wird ans Kreuz gehängt.
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