Montag, 4. Juni 2012

Verändert gehe ich.


Lovely Agape Children
Sieben Wochen bleiben mir noch. Ich erinnere mich, wo noch ein ganzes Jahr vor mir lag, eine neue Sprache, fremde Menschen, stechende Hitze – ein unbekanntes Land hat mir die Hand gereicht. Das Jahr geht nun zu Ende, die Sprache gehört mir, Fremde sind meine Freunde, die Hitze ist ein schöner Sommer und ein vertrautes Land umarmt mich und gibt mir das Gefühl von Heimat. Mit jedem Tag habe ich alles mehr und mehr lieben gelernt und mich immer mehr dieser Welt hingegeben. Die Unordnung im Straßenverkehr ist Bewegungsfreiheit, der zerfallende Häuserbaustil hat künstlerische Eigenart und jede Verspätung spiegelt diese Gelassenheit wieder, die in Deutschland im Stress untergeht. In dem Hotel, wo ich gerade diesen Text verfasse, bin ich Stammkunde und mit den 28 Kids, deren Namen ich mir anfangs nur schwer einprägen konnte, teile ich Liebe und Leben. Genau diese Beziehungen machen mir das Gehen so schwer. Ein Jahr lang war ich großer Bruder, Freund und selbst Vatergefühl hat sich in mir entwickelt. Ein Jahr lang wurde ich wirklich gebraucht. Ich bin ein Teil ihres Alltags, ihres Lebens geworden und sie haben mein Herz erobert. Es fällt mir schwer sie zurück zu lassen und diesen Spalt im Herzen einzuschlagen. Während es nicht mehr um mich ging und ich für andere gelebt habe, habe ich etwas gefunden, was ich nicht mehr verlieren will – mich selbst. Ich bete, dass alte Umgebung, altes Umfeld, nicht altes Ich aus mir hervorrufen und sich meine Welt wieder nur um mich selbst dreht.
Ich versuche den Unterschied festzumachen, den ich in diese Welt gebracht habe. Ein paar Fenster im Kinderdorf schließen sich besser, ein paar Fliesen machen den Boden schöner, ein Solarsystem erfüllt nun seinen Zweck, eine Handvoll Kinder spricht ein wenig besser Englisch und vielleicht war auch mein Bemühen um ein Verständnis für nachhaltiges Leben im Umgang mit Wasser und Müll nicht ganz erfolglos, doch Afrika ist immer noch Afrika. Die Armut ist dieselbe, Straßenkinder sind immer noch Straßenkinder, Mamas kämpfen sich mit ihren Kindern durchs Leben mit der Hand im Mund, Wasser wird immer noch in Eimern über Kilometer auf dem Kopf transportiert und sie sitzen immer noch im Dunkeln.
Doch ein Jahr lang mussten sie einen Eimer weniger schleppen und zusammen saßen wir im Dunkeln, während wir mit tiefgehender Gemeinschaft mit der Hand im Mund, aßen. Ein Jahr lang habt ihr mir in der Armut gezeigt, dass es um so viel mehr geht, als das, was man hat und dass wahrer Reichtum sich in dem zeigt, was man ist. Ich kam um zu verändern, verändert gehe ich.
Liebe macht den Unterschied. 28 Kinder sind von mir geliebt und Liebe gibt Freude am Leben. Einen weiten Blick habe ich gewonnen. Es ist eine Sache, etwas zu wissen und eine andere es selbst zu erleben. Eine unglaubliche Bereicherung meiner selbst ist mir diese Zeit hier und mein Wissen über das Leben hier, ist nun erlebtes Mitgefühl. Ich habe ein neues Verständnis für den Menschen und mein Herz ist größer. Diese liebgewonnene Welt lasse ich mit weinendem Auge zurück, während das andere Auge vor Freude strahlt, da eben nur noch sieben Wochen mich von meinen geliebten Freunden und Verwandten trennen. Neu begebe ich mich in ihre Arme und neu will ich sie lieben und für sie leben in Freude und Trauer. Ich bin gespannt wie alte Welt neu auf mich wirkt und was sich in einem Jahr bewegt, wenn man abwesend war. Ich hoffe sehr auf Freude in den Herzen zu treffen und Liebe in Gemeinschaft.
Doch zunächst einmal heißt es, bewusst sieben Wochen zu genießen und nochmal vollkommen hier zu sein. Wie man genießen kann, wenn man weiß, dass man geht. Man müsste ständig gehen.

Samstag, 19. Mai 2012

Gestillte Reiselust (part 2)

Es ist schwer zu beschreiben, doch es hat etwas Herz reizendes sein Leben in eine Tasche zu packen und sich ohne großen Plan auf den Weg zu begeben. Von allen Sorgen, Pflichten und Erwartungen befreit, geht es um das, was du siehst und den Eindrücken und Gefühlen, die du dabei fühlst. Reisen lässt dich Weite dieser Welt verspüren, die das Herz weitet. Dabei wird die Welt immer kleiner und dein Herz größer mit jeder Lebensgeschichte, die dein Herz benetzt. Wenn die Grenzen der Weltsicht sich strecken, wird der mit Gott verbindende Faden immer dichter gezogen, wenn man erkennt, dass diese Welt sich nur dreht, weil Er der Mittelpunkt ist. Je ferner man sich auf diese Welt bewegt, stellt man fest, dass man nicht von dieser Welt ist. Ich lehne mich zurück in den Sitz des Überlandbusses, schließe meine Augen mit diesen Worten und genieße die befreiende Weite.

Morogoro Busbahnhof - NEEMA YA BWANA (Gnade des Herrn)

Nach einem gemütlichen Abend in Iringa, einer wirklich angenehmen Stadt, habe ich Mbeya erreicht. Die Stadt scheint mir ein wenig unsympathisch und alles ist irgendwie von einer erdrückenden, düsteren Atmosphäre getragen, unterstützt durch die Kälte und dichte Wolken. Das Hotel ist riesig und extrem heruntergekommen. Ich schlender durch die leicht belebte Stadt, esse im unscheinbaren Sombrerohotel unglaublich gutes Essen, schließe den Abend in einer dunklen Ecke auf der Terasse mit Bier und Kings of Leon im Ohr ab und freue mich auf Morgen.

Dismas und ich in den Udzungwa Mountains

Sanje Waterfalls

Afrikas Weite

Sanje Waterfalls

Mang'una
 Der Stadt entflohen sitze ich am Ngozikrater mit Blick über den etwa 2 km großen See, über dem graue Regenwolken sanft hinüberziehen. Mit grün bewachsene Steilhänge umschließen das Gewässer. Der Weg bis hierhin war beschwerlich, feucht, glitschig und lang und führte mich durch dichtes Buschwerk und einer atemberaubenden Vegetation. Durch Gebüsch schlagend, kriechend und über Bäume kletternd, bin ich nach einigen Stunden zu diesem verlassenen Ort gedrungen. Nur Vogelgezwitscher, das Summen einiger Fliegen und das Grillen irgendeines Insektes sind zu vernehmen. Nicht weit entfernt von mir hat irgendein Großtier mir durch lautes Gröllen einen Schrecken eingejagt. Für kurze Zeit war noch ein lautes Schreien des am Ufer lebenden, von mir weit entfernten Safwevolkes zu vernehmen. Ich bin völlig eingeschlossen von Wildnis. Die grauen Wolken drücken ein wenig und mir ist kalt, doch der Ausblick über Tansanias vielleicht schönstem Kratersee ist traumhaft. „Awake, my soul“ singt mir Mumford and Sons bei diesem Blick ins Ohr. Das Jagdmesser an meiner Hüfte gibt mir Sicherheit, auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, wie man es gescheit einsetzt, wenn denn wirklich Gefahr lauert. Doch ich stelle fest, dass mein Instinkt mich schnell danach greifen lässt. Der einzige Mann auf dem Weg, begegnet mir genau so geschockt, wie ich ihm und nach kurzem Begrüßen lass ich meine Hand vom Griff und er senkt seine Machete. Auf dem Rückweg treffe ich wieder auf den selben Mann, der sich Seil aus der Rinde abgeschlagener Äste für sein Haus herstellt. Er erklärt mir sein Handwerk kurz und ich frage ihn, ob ich ein Foto schießen darf. Völlig überzeugt lehnt er ab und erklärt mir auf Nachfrage, dass er Angst hat. Dieses Blitzgerät muss von Geistern befallen sein. Bevor ich gehen will, bettelt er nach Geld für ein Soda. Ich frage, ob er sich für Geld ablichten lassen würde, um zu schauen, wie ernst er es meint. Doch kein Geld nimmt ihm die Angst vor den Geistern, die ihn nach einem Foto befallen und ich schlender mit meinem Wanderstock davon und kämpfe mich per Anhalter bis zur Hauptstraße.

Isimilia Stone Henge

Mountains and Me

„Welches ist das ärmste Land der Welt?“ Ich sitze im Bus, während eine Radiosendung für Kinder mit Fragen zur Allgemeinbildung, im Radio läuft. Überzeugt antwortet ein kleines Mädchen: „Amerika!“ und erntet Gelächter der Moderatorin und der Insassen im Bus. Auch ich lache über diesen groben Fehler, bis ich verstehe welch große, traurige Wahrheit dieses kleine Mädchen doch unbewusst ausgesprochen hat - so arm, kann man bei großem Reichtum doch sein und so reich bei schwerer Armut. Eine erwachsene Frau, mit Kleinkind, fordert beim Aussteigen ihr Rückgeld von 200 Shilling (etwa 10 Cent) und fängt eine Diskussion mit dem Kondakter an, der überzeugt das Geld für das Kleinkind berechnet. Verbal steigern sie sich hinein, bis sie handgreiflich wird und sie sich aggressiv um 10 Cent schlagen. Wir fahren zur nächsten Polizeistation, wo ich den Bus wechsel, um meinen Anschluss nicht zu verpassen.

Farmer

Iringa Busbahnhof

In den Regenwäldern zum Ngozi Kratersee

Ngozi Kratersee

In the dschungle the lion sleeps tonight.
 Nach zwei Stunden Warten auf den Bus, zwei Stunden im Bus, geht es endlich Richtung Lake Nyasa. Der Antikwert des Busses übersteigt alles zuvor Gesehene und das Geklapper, lässt dich deine eigene Stimme nicht mehr hören. Dass wir auf halber Strecke mit Reifenpanne landen, überrascht mich kein bisschen. Mbeya’s dunkle Atmosphäre hing noch an mir und die Fahrt reißt an meinen Nerven - Sitznachbarn sind unsympatisch, Ipod leer und dann dieses ständige Warten auf jedes Huhn. Ich hoffe nur auf die Ankunft und eine Landschaft, die mir die Freude wieder gibt. Doch Gott sei Dank, werden die Insassen im Laufe der Fahrt ausgetauscht und bald habe ich einen christlichen Chor an Bord, die mir mit ihrem Gesang das Herz weich machen. Die Menschen haben etwas Freundliches und Zuvorkommendes an sich. Der Sonnenuntergang und die aufragenden Livingstonmountains in der Ferne geben mir mein Lächeln zurück. Nach langer, beschwerlicher Fahrt, schönem Chorgesang und ein paar neu gelernten Wörtern in der Stammessprache bin ich in Matema, im Süden des Landes am Lake Nyasa. Mein Herz hüpft bei dem Anblick und dem perfektem Zusammenspiel von Berg, See, Sonne, Strand, Wolken und Mensch. Ich habe ein Bungalow direkt am Strand und mir ist nach Bleiben. Die Hotelmitarbeiter werden mir schnell zu Freunden und ich teile mein Glück mit ihnen bei gemeinsamen Essen und gemeinsamer Wandertour zu einem weiteren unglaublich schönem, verstecktem Wasserfall.

Matema

Fischer

Geteiltes Glück am fallenden Wasser

...
 „Macht die Anker los!“ Lautes Geschrei am Hafen in Südafrika. Die Herzen der Expeditionsbeteiligten klopfen schneller und das Schiff bricht seinen Weg an, in den Norden des Kontinentes. Dem Strom entlang vergehen unzählige Tage. Es ist die Suche nach Festland, nach dem Ort deiner Selbst. Sambia ist passiert und sie treten in das große Gewässer des Lake Nyasa. 500 km fahren sie über den 50 km breiten See, bis sie die nördliche Küste erreichen. 1891 entscheiden sie, dass Matema der Ort des Missionsursprungs sein soll. Pläne werden entworfen und eine Kirche wird bis zum Jahre 1896 fertig gestellt. Im Zusammenspiel mit sozialen, ärztlichen Dienst, getragen von Liebe, wird das Gebiet mit Christentum besprengt und man spricht bis heute von Matema als dem ersten Missionsort Tansanias. Das alte Gebäude läuft immer noch unter gleicher Mission und bietet mir heute Unterschlupf am atemberaubenden See. 121 Jahre nach Ankunft erster Missionare, die noch mit Stammeshäuptlingen verhandelten, scheint mir alles noch so unberührt. Die Missionierung hat zwar ihre Früchte getragen und die Menschen sind weitestgehend christlich geprägt, doch so unentdeckt scheint mir diese Traumlandschaft. Die Stadt, direkt an den Bergen, die nach dem Missionaren und Entdecker Livingston benannt wurden, ist eingebettet in fruchtbarer Landschaft mit Bananenstauden, Mangobäumen und Kakaopflanzen. Für einen klaren Kopf laufe ich dem Strand entlang. Ich treffe nur auf ein paar Fischer, die traditionell mit Kanu und Netz ihr Abendbrot verdienen. Ansonsten scheint diese Küste so unberührt, wie sie die Missionare vor über hundert Jahren vorgefunden haben. Der Strand ist mit Bambushölzern übersät, mit Grüngewächs am Rand. Nur drei Hotels haben sich an der gesamten Küste durchgesetzt. Ich laufe bis ich eine Flussmündung erkenne. Mein Instinkt schaltet auf Gefahrenwitterung und ich male mir aus wie Krokodil und Nilpferd in der Dunkelheit des vom See aufgebrausten Zuflusses lauern. Vorsichtig und umblickend nähere ich mich mit bedachten Schritten dem Flussufer, um einen Blick hinauf zu gewinnen. Die Sonne zieht gerade am Ende des Flusses ihre letzte Bahn und malt die Wolken und Himmel schön rot an. Ich bin noch immer gespannt und genieße es, diesen Blick als einziger Tourist zu bewundern. Nach einigen Minuten bemerke ich sie. Langsam und vorsichtig nähert sie sich mir, in afrikanischer, traditioneller Kleidung, trägt sie ein eingewickeltes Gepäckstück auf dem Kopf sicher bis zum Ufer und legt es in den Sand. „Habari za leo?“ Wie ist dein Tag? versuche ich ihr die Furcht zu nehmen. „Nzuri“ antwortet sie überrascht von meinem sicheren Kiswahili. Ich stelle weitere Fragen über Herkunft und Zielrichtung, um ihr letzte Besorgnis zu nehmen. Was hat ein Weißer zur Dämmerungszeit an einer verlassenen Flussmündung zu suchen? „Gibt es Krokodile und Nilpferde hier am Flussufer?“ frage ich sie. „Ja, hast du keine Angst?“ „Solange sie mir nicht in die Nähe treten und sich mir nicht zeigen, noch nicht. Fürchtest du sie denn?“ „Selbstverständlich. Habt ihr Weißen denn keine Angst?“ „Man fürchtet nicht, was es bei uns nicht gibt.“ Der Fluss ist an dieser Stelle nur etwa fünf Meter breit, doch ihre Reise ist hier erstmals beendet. „Faraja“ nennt sie mir ihren Namen. Ihr Blick ist unschuldig und ihr Lächeln verlegen. Immer wieder greift sie tief, wenn sie mir in die Augen blickt. Da sie die Schule gerade erst beendet hat, wird sie nur ein wenig jünger sein als ich. Ihre Mama erreicht nach einiger Zeit dasselbe Ufer und ich spreche mein Beileid als, nachdem sie mir verdeutlicht haben, dass sie gerade von der Beerdigung ihres Opas kommen und schon seit zwei Stunden am Strand entlang traben. Wenn der Fluss überwunden ist folgen weitere Stunden. „Wie kommt ihr über den Fluss?“ frage ich die hübsche Faraja, die sicherlich nicht schwimmen kann. „Wir warten bis ein Boot uns hinüberfährt.“ „Wann soll dieses Boot hier ankommen?“ „Vielleicht gar nicht.“ Bei Letzterem bleiben sie auf dieser Seite des Flusses und schlafen bei Fremden. Mein scherzhaftes Angebot sie über den Fluss zu tragen, da ich ein recht guter Schwimmer bin, lehnen sie belustigend ab. Ihre Mama spricht ihre Bewunderung über mein Kiswahili aus und sagt einige Sätze zu ihrer Tochter Faraja in ihrer Stammessprache. Faraja blickt mir tief in die Augen und meint: „Komm mit zu uns und schau dir an, wie wir leben.“ Mit dem Bewusstsein, dass sie große Hoffnung auf Wohlstandsleben in weiße Hautfarbe setzen, lehne ich ihr Angebot ab und mache mir klar, dass sie mir mit leichtem Akt zur Frau gegeben werden könnte. Nun warten wir an diesem mysteriösen Fluss. Nach einer halben Stunde trifft tatsächlich jemand ein. Faraja und ihre Mutter besteigen das Boot und ich drücke sie in den Fluss. Sie setzen über und Faraja gibt mir ihren letzten Blick mit leichtem Lächeln.

Ich laufe den langen Weg in der Dunkelheit zurück und wundere mich wie sehr diese Welt von Mysterien getragen ist. Ich unterhalte mich mit eintreffenden Fischern über ihren heutigen Fang und spüre innere Freude, die mir durch diesen unberührten Ort bereitet wird. Es fühlt sich so an, als gehöre diese Welt mir alleine und als wäre ich ihr erster Entdecker. Ich bade mir kurz den Schweiß im See aus und trete in das vor 120 Jahren errichtete Hotel. Ich genieße die Gemeinschaft der neugewonnen Freunde, esse traditionell Ugali auf Mkekateppich unter Öllampenlicht, während wir herzhaft lachen und scherzen. Meine zwei Bier mit Radio Ipod unter Sternenhimmel geben dem Tag den letzten, schönen Hauch.

Ich beginne den Tag mit einem Lauf am Strand in der aufgehenden Sonne. Ich unterhalte mich mit dem Fischer, der mir sein Handwerk erklärt. Jeden Tag verbringt er die Morgenstunden damit, sein Netz aufzuwickeln und den Rest des Tages in der weiten See. Jedes Jahr in der Zeit von Dezember bis Juli, verdient er sich sein Geld mit den gefangenen, verkauften Fischen. Sein Leben lang ist er Fischer und sein Leben lang wird er einer sein. Ich laufe am Strand entlang und treffe auf Väter mit Söhnen, die sich für die weite See vorbereiten. Ich grüße sie mit „Ogunire“ in ihrer Stammessprache.
Ein Handwerk, das über tausenden von Jahren besteht und damals genau so ausgeführt wurde wie heute. Die Väter der Männer waren Fischen, ihre Söhne werden Fischer sein. Vor etwa zwei Tausend Jahren läuft ein Mann, ein Gott, so wie ich am Ufer entlang und trifft auf solche Fischer. „Kommt her, folgt mir nach. Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“ Welch Kraft müssen diese Worte gehabt haben und welch festen Ausdruck sein Blick, dass diese zwei Männer alles liegen lassen haben, ihre Familie und ihr eigenes Handwerk zurück gelassen haben und diesem Unbekannten, Fremden, dessen Namen sie nicht einmal kannten, bei so wenigen Worten, gefolgt sind. Er hatte etwas Tiefes, etwas Höheres in sich, etwas, dass ihre Herzen berührt hat und sie ihr ganzes Leben hingeben lassen hat. Zu zwölft sind sie nicht von seiner Seite gewichen, schauen ihm beim Reden zu, beim Heilen, beim Leben, bis zu seiner tödlichen Erniedrigung. Zwölf junge, ungebildete Männer, von denen einer seinen Verrat an diesem Mann nicht ertragen konnte und sich selbst den Tod gab, ziehen sie um die Welt und wie ein Lauffeuer fangen die Menschen in aller Welt an zu verstehen, dass dieser gekreuzigte Mann ein auferstandener Gott ist. 1891 erreicht eine Expeditionstruppe das Ufer, an dem ich entlang laufe, mit derselben Botschaft und 2012 trage ich diese Botschaft am selben Ufer mit mir herum. 
Ich bin erneut bis zu dem Fluss gelaufen und treffe auf eine Frau mit Baby, die gerade von einem Fischer übergesetzt wird. „Guten Morgen“ grüße ich sie, als sie auf meiner Seite angekommen ist. Erschöpft und verschwitzt von Laufen, frage ich sie wie lange sie auf der anderen Seite gewartet hat. „Seit gestern Abend“ antwortet sie mir und lässt mich sprachlos stehen und geht ihres Weges. Fünf Meter dunkles, tieferes Mündungsgewässer, in der jegliche Legenden hineingesteckt wurden von fressenden Krokodilen und reißenden Nilpferden und Geistern, die einen hinunterziehen, machen den Bewohnern so große Angst. Ich werfe einen Blick auf das andere Ufer und will die Legende nicht auf die Probe stellen. Ich gehe langsam, in Gedanken versunken, zurück, an den Fischern vorbei, die seit tausend Jahren ihre Netze auswerfen.

Fischer

Traum
 Zum Abschluss meiner Reise ertrage ich etwa 20 Stunden Rückreise auf der letzten Sitzbank eines engen, alten Busses. Meine Sitznachbarn sind ein sambisches, junges Ehepaar, die kein Kiswahili sprechen, dafür aber fließend Englisch. Wir führen wirklich interessante und prägende Unterhaltung über Gott und die Welt und ich gewinne zwei wirklich nette Menschen zu Freunden und habe ein Schlafplatz in Sambia sicher. Ein verkehrtes Bild, wenn der Mzungu zwei umherirrenden Afrikanern mit der Sprache zur Hand gehen muss. Um zwei Uhr in der Nacht treffe ich Zuhause ein und verdaue alles Erlebte in einem langen Schlaf, bis in den Mittag hinein. Nach gestillter Reiselust, bin ich bereit für die letzten knappen zwei Monate in meiner afrikanischen Heimat.

Happiness is real when shared.












Donnerstag, 10. Mai 2012

Gestillte Reiselust (part 1)

Es ist nach langer Zeit einfach mal ruhig. Ich schreibe im Tischlampenlicht in einem gemuelichen Hotelzimmer in Iringa. Heute wird endlich wieder warm geduscht.
Je naeher der Tag der Abreise rueckt, umso groesser wurde in mir das Verlangen nochmal durch das Land zu ziehen und meine Reiselust zu stillen.
Meine Reise beginnt in Morogoro. Auf engem Raum im zerschlissenen, verdreckten Bus warte ich auf die erloesende Abfahrt. Seit zwei Stunden lauft der Motor und der Bus will nicht losfahren, bis nicht die letzten zwei Sitzplaetze noch belegt sind. Strassenverkaeufer laufen staendig am Fenster vorbei und rufen "Mikate, Mayai" und "Viatu" und versuchen ihre Ware fuer ein paar Shilling loszuwerden. Die Sonne, die immer wieder durch die Wolken bricht, macht mir den Sitzplatz am Fenster unertraeglich. Die anderen Insassen unterhalten sich in einer mir unbekannten Stammessprache. Der nach schweissriechende, laute Vordermann wird fuer sein schlechtes Kiswahili von den Strassenverkaeufern ausgelacht, die er staendig nach den Preisen fragt, aber doch nichts kauft, weil ihm alles zu teuer ist. Aus einer Unterhaltung hoere ich heraus, dass er mit seinen geschaetzten 30 Jahren noch nie Cashewnuesse und Sodagetraenke gesehen hat. Er ist nie zur Schule gegangen und voellig weltfern lebt er in einem abgelegenem Dorf. Ich sitze hier mit meinen 13 Jahren Schule auf dem Buckel und fast 200000 Shilling in der Royal Travellers Bauchtasche und ich frage mich wer das Leben so ungerecht verteilt hat. So reich bin ich in dieser Welt.
Der Bus faehrt an und ich kehre den Ulugurumountains den Ruecken zu. Wir betreten den Mikuminationalpark und passieren Bueffelherden, Gazellen und Elefanten, die man von der Hauptsstrasse aus beobachten kann. Letztere leben hier frei auf engem Raum zu etwa 9000. Von Mikumi geht es ueber unbefestigte Strasse Richtung Udzungwa Mountains. Wunderschoene Berge erheben sich rechts und die hoehere Lage macht sich durch die Kaelte bemerkbar. Ich mache mir meinen Sitznachbarn Dismas zum Freund und er stellt mir sein Motorrad fuer den naechsten Tag zur Verfuegung. Mit ueberteuerten Tourguide und Genehmigung ziehen wir am naechsten Morgen mit festgeschnuerten Wanderschuhen in die Bergregenwaelder. Es geht durch dichtes Gebuesch in eine einmalige Vegetation. Immer wieder springen Affen ueber unseren Koepfen her und haufenweise Elefantenkacke ist ueber dem Weg verstreut. Ich trete in die riesen Elefantenfussstapfen und wir steigen immer hoeher. Spinnennetze kleben sich ins Gesicht, bis wir nach etwa drei Stunden Fussmarsch den ersten der drei Sanje Waterfalls erreichen. Voellig sprachlos bin ich bei dem letzten, groessten Wasserfall, der 170 Meter ueber Kaskaden in die Tiefe faellt und ein wunderschoenes Panorama zaubert. Immer wieder bin ich fasziniert von der verborgenen Schoenheit dieser Welt und ich bewundere Gottes Kuenstlerhaende. Nach langer Reise gibt es mit Hunger gewuerztes Ugali mit Dismas Familie. Ich beende meinen Tag mit einm kuehlen Bier, dem Chelsea vs Liverpool Spiel und der Tragoedie der Maria Stuart.
Morgens verzoegert sich meine Abreise, da es kein Wasser im Hotel gibt. Ein paradoxes Bild - gestern bewundere ich gewaltige Wassermassen, die maechtig in die Tiefe stuerzen und heute morgen hoffe ich auf ein paar Tropfen Wasser aus dem Hahn. Der betrunkene, ehemalige Tanesco-Mitarbeiter belaestigt mich auf dem Weg zum Bus. Den Umstehenden bereiten wir eine oeffentliche Entertainmentshow waehrend Mzungu mit Betrunkenem Wortgefecht haelt. Es gibt mir Mut, wenn es mir gelingt mich rednerisch auf Kiswahili zu behaupten. Ich geniesse den warmherzigen Menschenumgang in den Doerfern. Meine Reise fuehrt mich, dem Rift Valley entlang, in wunderschoene Berglandschaft. Mein Sitznachbar ist Evangelist und wir fuehren spannende Unterhaltung ueber die Korruption des Landes und ueber sein Leben, ein Kampf um Wasser. Im Inneren des Landes gibt es nur eine miserable Wasserversorgung. Etwa fuenf mal die Woche faehrt er die fuenf Kilometer mit dem Fahrrad zum Wasserbrunnen, um 20 Liter Wasser zu transportieren. An die 100 Liter Wasser verbraucht seine dreikoepfige Familie in der Woche. Die Regierung hat hier ein grosses Wasserwerk errichtet, wovon die Menschen aus der Umgebung kein bisschen profetieren. Hinzu kommt, dass das wenige Wasser oft voellig verdreckt ist und chemieverseucht, da die umliegenden Bauern ihre Tomaten schneller verkaufen wollen. Somit werden Typhus und andere Krankheiten zum zusaetzlichen Problem.
Nun bin ich in Iringa angekommen, wo alle in Pullover oder Jacke rumlaufen und Socken tragen. Die Temperatur erinnert mich an kuehle Sommerabende in Deutschland und die Atmosphaere und der Umgang der Menschen hat etwas Besonderes. Es fuehlt sich nach einer mit Studenten gefuellten Kulturstadt an, wo ein Weisser gar nicht auffaelt. Viele sind modisch gekleidet und scheinen Bildung genossen zu haben. Ich trinke meine zwei Bier, esse Burger und geniesse die Ruhe und das Alleinesein bei schoenem Sonnenuntergang ueber Iringas Blechdaechern. Es ist schoen individuell zu reisen und ich fuehle mich frei.
Morgen geht meine Reise weiter nach Mbeya. Tanzania ist schoen und weit.

Donnerstag, 26. April 2012

Wir lieben uns!

Ich habe immer so viel zu sagen, doch wenn ich gedankliche Ordnung hineinbringen will, verstumme ich irgendwann und sage nichts. Mal fühle ich und will mich mitteilen, warte ein wenig und schon überfallen mich neue Gefühle von ganz anderem Ufer. Schildere ich nur die eine Seite, ist es unvollkommen und an beide Ufer reicht mein Wortschatz nicht. Daraufhin bleibe ich wieder stumm.

Nichtsdestotrotz will ich gerne meine Beziehung zu Tansania ein wenig aufführen und erläutern in welchem Verhältnis wir zueinander stehen.

Man sagt ja immer die inneren Werte zählen, doch schwerer ist es zu lieben, wenn man das Äußere nur ungerne anschaut. Ich wurde von Afrikas schönsten Stränden begrüßt, weiß und blau überlaufen sich und alles scheint noch so unentdeckt, so unberührt, als hätte sie sich so lange für den Richtigen bewahrt. Fotos von Traumstränden mit Palme, Sand und Meer, die ich damals als „nicht von dieser Welt“ kommentiert hätte, habe ich nun selbst geschossen. Jeden Tag Sommer mit voller Hitze habe ich für die ersten drei Wochen gelebt.

Die fruchtbare Hügel- und Gebirgslandschaft am Viktoriasee, der Quelle des Nils, folgte im Anschluss. Ich lebte mit Bananenplantage und grünen Wäldern, Adlern und Affen. Nilpferde und Krokodile machten alles spannend, zeigten sich mir jedoch nicht.
Hinaus aus dem milden Klima ziehe ich in Tansanias Trockenlandschaft, wo sich nur ein paar Sträucher und Mbuyubaum durchgekämpft haben. Straub kriecht mir in die Kehle beim ersten Fußballspiel und die Sonne knallt, bis Arme und Füße braun glühen und ich schwitze. Doch wunderschön erheben sich die Ulugurumountains aus der Ebene und zeigen sich mit den Wolken im ständigen Farbspiel. Die himmlischen Wassertanks versuchen stets vorbeizuziehen, gehen jedoch nicht ohne Schauer zu hinterlassen und alles zu einer saftigen, fruchtbaren Landschaft mit Gold in den Flüssen zu verzaubern. In den höheren Hängen verwächst dichter Regenwald. Aufgrund der momentanen Regenzeit hat sich das Grün des Landes bis hier her gezogen und unsere fein bearbeiteten Shambas blühen und die einstige Steppe ist nur schwer zu durchwandern. Schlangen zeigen sich nur scheu und fürchten menschlichen Schlag.

Und dann spreche ich vom Garten Eden mit allen schönen Tieren dieser Welt, die frei und wild in einem weiten Land leben. Die Serengeti überfällt dich mit seiner Freiheit und lässt dich nicht los, bis in die Tiefe des Ngorongorokraters, dem schönsten Teil dieser Welt. Jede Nacht glitzern die Sterne wie Laternen über diese Welt, doch noch nie waren Sterne so schön und so groß an Zahl wie in der einen Nacht, als ich schweigend vor meinem Zelt in der Serengeti, dem Herzen Tanzanias, den Blick nicht senken konnte.

Nicht zuletzt ist mir das Haupt Tansanias, der Kilimandscharo vor die Augen gekommen und lässt Ehrfurcht walten. Vom höchsten Punkt, durch den schönsten bis hin zum tiefsten ist Tansania gefüllt mit Superlativen, wie nirgendwo anders. Reich an Ressourcen und reich an Schönheit.

Doch noch reicher an Korruption, die das Land trotz großem Schatz den Bach hinunterfährt.
Das Land, mit unglaublich attraktivem Äußeren, kämpft mit folgendem Laster. Mit korrupten Rossen reitet die Regierung Tansania in den Boden. So viel Potential steckt in den Menschen und mit so vielen Ressourcen ist das Land gesegnet, doch 50 Jahre lang frisst das reiche Ross. Angefangen mit dem Mienensektor, der an ausländische Investoren verkauft wurde, wo großes Geld fließt, von dem Tansania nichts zu sehen bekommt. In Form von Joint Ventures wird das Land ausgebeutet und führende Politiker füllen sich ihre Taschen. Das Volk schaut, noch schweigend, dabei zu wie ihre Gold- und Stahlschätze aus dem Land transportiert werden.
Wir sind gerade aus der Serengeti gekommen, als wir an einem schönen Aussichtspunkt über den Lake Manyara auf eine Familie mit zwei aufgemotzten BMWs treffen. Das Nummernschild deutet bereits daraufhin, dass es sich um einen Regierungsmitarbeiter handelt, was sich nach seiner stolzen Vorstellung schnell bestätigt. Er lächelt nur bescheiden, als wir ihn auf seine überteuerten Autos ansprechen und meint, dass das nichts Nennenswertes ist. Er erkundigt sich über unseren Aufenthalt und unsere Herkunft. Wir sagen ihm, dass wir Freiwillige sind, die dem Land helfen wollen, dass seine Regierung  ausbeutet. Wie gerne hätte ich ihm das vorgeworfen und ihn darauf angesprochen, wie es möglich ist von einen Tag auf den anderen das Visum von 120 Dollar auf 520 zu erhöhen.
Die Regierung steckt ihre Finger in jedes geldversprechende Unternehmen und beutet es lächelnd aus, während das Volk über Holz und Kohle kocht, im Öllampenlicht lebt und das Wasser auf dem Kopf durch das halbe Dorf trägt. Während die Regierungsleute ein Wochenende in der Serengeti verbringen, sind arme, ungebildete Tansanier noch nie aus ihrem Dorf herausgekommen.
Es mangelt an Geld, um eine gescheite Bildung zu erhalten. Von der Serengeti werden sie wahrscheinlich nie mehr zu sehen bekommen, als die Werbeplakate in den Innenstädten.
Ich unterhalte mich mit dem Pikipikidriver, der mich für 1000 Shilling durch die Innenstadt fährt, der mir stolz alle seine Englischvokabeln präsentiert. Er ist nie zur Schule gegangen, hat sich Lesen und Schreiben selbst beigebracht und lebt von meinem Fahrtgeld. Ich steige in den Bus, wo mir ein gebildeter Abiturient von seinen Auslandsplänen erzählt, die vermutlich nie wahr werden, doch glücklich kann er sich schätzen, dass er die Schule bis zur Form 4 abschließen kann. Für die meisten Kinder reicht das Geld bis zur siebten Klasse und dann leben sie von umgerechnet zwei Euro am Tag, die sie sich auf dem Feld oder auf dem Bau verdient haben. Andere verbringen ihre Zeit damit Zeitungen oder gekochte Eiern auf Busständen zu verkaufen. Die Zeitungen, in denen endlich von der großen Korruption in der Regierung zu lesen ist. Lange genug haben die Tansanier über die Fehlführung gesprochen, langsam fangen sie an aufzustehen. Erste Studentenaufstände werden laut, weil sie die Zusammenhänge verstehen. Bildung macht es möglich, doch so wenige können sie sich leisten. Hinzu kommt die unglaublich inkompetente Lehrbesetzung. An staatlichen Schulen sprechen die Lehrer unglaublich schlechtes Englisch - welche Aussichten haben die vielen Kinder unter diesen Voraussetzungen. 
Bei all der Armut verfällt das Volk in paradoxes Materialismusdenken und versucht aus allem Geld zu schöpfen und vor allem bei weißer Hautfarbe eine bettelnde Hand auszustrecken oder überhöhte Preise zu nennen. In 50 Jahren Freiheit sind sie nicht ganz vom Kolonialdenken heruntergekommen und sehen ihre Hoffnung im Westen, doch nur alleine kann man laufen.
Tansanias Laster zieht sich noch weiter über die Gesundheitssituation, wo Tausende an Maleria sterben, weil kein Geld für Medizin reicht, über verfallende Moralvorstellungen voll Unzucht, wo HIV gezielt weitergepasst wird, wo Erwachsene sich an Kindern vergreifen und Kinder Kinder gebären. Diese wiederum landen auf der Straße oder wachsen in Waisenhäusern auf. Nicht zuletzt ist alles von Kriminalität untermalt, wo Raub mit Mord nichts Erschreckendes ist. Ich erreiche unseren Busstand und finde nur einen Pikipikidriver statt den üblichen 60 vor, der mir auf meine verwunderte Nachfrage antwortet, dass alle zur Beerdigung eines verstorbenen Kollegen gefahren sind. Zu Hause angekommen erzähle ich die Geschichte und Neema antwortet mir: Kufa ni kawaida! (Tod ist nichts Ungewöhnliches!). Erschreckende Feststellung einer Zwölfjährigen, doch gesund wird über den Tod nachgedacht und er ist immer real und nah. Je bewusster man sich über den Tod wird, umso klarer lebt man.


Und nun zu dem was mir mein Herz völlig raubt. Immer wieder sprechen dich Leute in der Öffentlichkeit an und nach kurzem Überfliegen des Smalltalkgelabers geht es um das Echte. Gott ist real und eine Leidenschaft für ihn kann ich mit fast allen teilen. Es gibt keine Hemmungen und Tabus, die beim Thema Glauben erst übersprungen werden müssen und die Frage, ob es einen Gott gibt, ist völlig überflüssig. Jede Unterhaltung wird damit beendet, dass man sich gegenseitig zu sich nach Hause einlädt. Zu Gast bei ihnen haben sie nicht viel zu bieten, doch über ihre Kosten geben sie.  Ehrliche Gastfreundschaft erfährt man und man trifft immer wieder auf liebevolle, ehrliche, mit Freude gefüllte Tansanier, die trotz all der schwierigen Umstände das Echte behalten haben. Das Echte, das in Deutschland vom Materialismus gefressen wird und vom Belanglosen verschluckt wird.
Ich bin gerade in einem Restaurant und versuche ein wenig Abwechslung in den Alltag zu bringen. Ich hab wirklich schönen Blick auf die Berge und Daladala, Pikipiki und Fahrrad rauschen afrikanisch auf der Straße vorbei. Es fühlt sich gerade wirklich gut an auf Reise zu sein und ich habe Frieden. Ich habe wirklich schöne Zeiten mit den Kids. Sie öffnen sich mir, sind mir wirklich Freund und lieben mich. Es macht alles so schön, wenn man Menschen um sich herum hat, die einen lieben. Wenn man selber liebt, ist man glücklich. Gestern haben wir den Generator angeschlossen und das Spiel Bayern gegen Real geschaut - ein wirklich sehr schönes Spiel und die richtige Mannschaft hat gewonnen. Es hat gut getan ein wenig Deutschland gemeinsam zu beobachten, auch wenn sie, mir zum Trotz, alle für Real Madrid gejubelt haben. Mein Unterricht für die Kids läuft wirklich gut, sie fangen an ein Verständnis für Englisch zu kriegen und sie machen richtig Fortschritte. Anfangs war alles einfach nur enttäuschend. Ich kann kein richtiges Kiswahili und sie kein Englisch und ich soll ihnen irgendwas beibringen. Doch wir sind auf einen Nenner gekommen und unterrichten uns gegenseitig. Ich liebe es sie zum Lachen zu bringen und ihnen eine Freude zu sein. Ich übe mich in jeglicher handwerklicher Arbeit und repariere Dächer, Fenster, Abflusssysteme und es macht irgendwie Freude, nicht daran zu scheitern. Zurzeit lerne ich Fliesen legen. Ich gehe in letzter Zeit viel Basketball spielen und versuche ihnen ein Geschmack dafür zu geben. Sie sind wirklich gut und haben Spaß daran. Ich habe dort auch ein paar neue Freunde in meinem Alter gewonnen, die es wirklich drauf haben, doch der Weise zeigt ihnen wie es richtig geht. Es ist schwer zu beschreiben und ich bezweifele, dass man es wirklich nachvollziehen kann, doch man entwickelt so eine Liebe zu den Kids, wenn man sich bewusst macht, dass ihnen nicht wirklich viele Menschen bedingungslose Liebe gegeben haben. Und sie suchen unglaublich viel Nähe. Ich wünsche mir manchmal so sehr, dass irgendjemand von euch Freunden, das sehen könnte, denn ich werde es trotz vieler schöner Bilder und vielleicht bedacht gewählter Worte nicht beschreiben können.  Ein neues, fremdes Land kann einen mit vielen Dingen beeindrucken und in vielen Bereichen schocken, doch letztlich wird deine Beziehung zu dem Land an dem gemessen, wie viel Liebe du im Umgang mit deinen Mitmenschen erfährst. Diese kleinen, unbedeutenden Momente und die unscheinbaren Begegnungen verändern und sind so unglaublich wertvoll. Mit weitem Blick ist Tansania ein Land meines Herzens. Freunde sagen: „Home is where your heart is!“,  doch wo mein Herz sich gerade befindet kann ich nicht ganz genau sagen. Ich bin mir aber ganz sicher, dass Gott es sehr sorgfältig in Seinen Händen hält.
Einer der Pikipikidriver hat mich heute ans Steuer gelassen und ich bin nun zum zweiten Mal im Leben Motorrad gefahren. Fühlt sich afrikansich an. =) Wenn ich durch Morogoro laufe, sprechen mich Leute mit meinem Namen an, die ich noch nie im Leben gesehen habe, wenn ich mit dem Auto über unsere durchlöcherte Straße fahre, rufen Kinder laut: Kaka Paulo...nur weil ich weiß bin! :P =) Es ist schwer sich hier zu verstecken, doch umso bewusster und aufmerksamer lebe ich. Ich bin Gott glaube ich noch nie näher gewesen als gerade zu dieser Zeit. Hier liebe ich und hier lebe ich.

"And the King will answer and say to them, 'Assuredly, I say to you, inasmuch as you did it to one of the least of these My brethren, you did it to Me.' "

Kaka Paulo


Mittwoch, 28. März 2012

True Love Remains (song)

dedicated to the true ones


True Love Remains (click to listen)

I saw you from far away
the same smile even though years passed by
Thoughts struggling all on the way
What should I say?

I made up for one embrace
Feelings where all my words fail
Thousand years could have passed
It feels like we've seen yesterday

The distance can't swallow
Friends stay friends
Time can't eat what is real
Travelling filters, time is a sieve
True love remains

We talk like I've never left
We laugh till it hurts in chest
When 80 years on our back
Silent memory of times I'll call best
When you have been by my side
When you have been by my side

I'm so glad to hold you in my arms again
Won't leave you again
when I hold you in my arms again

Montag, 12. März 2012

Southafrica - zwischen Weltmeeren

Unschlüssig lassen die Wolken leichten Schauer fallen, doch richtiger Regen bleibt aus. Nach ein paar Tagen praller Sonne, trauert diese Welt nun. Mein erster Blick auf Festland aus dem Quadratfenster des Fliegers, hat mir einen ersten Eindruck von Südafrika gegeben, der sich schnell groß entwickelt hat, bis zu der Einstellung, die ich nun diesem Land gegenüber habe. Während Traumhäuser auf weitem Land vorbeirauschen, wo der nächste Nachbar fast außer Blickweite wohnt, überfliegen wir den eingezäunten Hüttenkomplex, der nur schwer von einer Müllhalde zu unterscheiden ist – Townships. Wir landen, laufen den Flughafen entlang und alles ist weiß, außer der Bedienung in den Fastfoodrestaurants. Bei einem kurzen Tritt aus dem Terminal treffen wir auf die neusten Modelle deutscher Autos. Geschockt nehmen wir den Anschlussflug nach George und fast ausnahmslos ist das Flugzeug mit weißen Südafrikanern gefüllt.
In George werden wir von David und Flo am Flughafen erwartet und treten unsere fast zweistündige Reise nach Plettenberg Bay an über die Gardenroute, der vielleicht schönste Highway der Welt. Durch Bergtäler, an unzähligen Seen vorbei, durch Waldgebiete und oft mit schönstem Blick auf den indischen Ozean passieren wir links Security Resorts der Reichen und rechts die Townships. So paradox klingt diese krasse Trennung von Arm und Reich in einer so schönen Naturwelt.
In einem luxuriös, eingerichteten Hotel werden wir einquartiert mit eigenem Bad und Badewanne, einer Bar, vollem Kühlschrank, Fernseher und Federbett. Ein Schock für jemanden, der grad aus tansanischer Hüttenwelt angereist kommt. Die Seminartage gestalten wir ganz frei und ohne großes Raster. Eindrücke werden reflektiert und bereits gewonnene, seelische Schätze herausgearbeitet – Bildungsurlaub am Strand, bei einer Wanderung über den Robberg und bei gutem Essen im Spur. Nach fünf Monaten wurde ich endlich wieder an den Geschmack eines guten Burgers erinnert und mein Geld fliegt dahin für gutes Bier.
Eine sehr ausgefüllte Woche in denen Träume wahr werden. Nach 21 Jahren reite ich zum ersten Mal eine Welle und versuche die Gewalt des Ozeans zu kontrollieren und von dem Surferfreiheitsgefühl zu naschen. Nach zwei Tagen habe ich Ganzkörperprellungen und mein Bauch ist blutgereizt und ich liebe diesen Traumsport.
Ich nähre mich immer mehr dem Rand der Brücke, wo es über zwei Hundert Meter in die Tiefe geht. Mit den Zehen über dem Abgrund, atme ich tief und springe gefasst und genieße die sechs Sekunden Freiheit, bis mich das Seil an meinen Füßen wieder zurückholt und ich kopfüber in schöner Landschaft baumel. Die höchste Bungeebrücke der Welt – tick.
Bei einem Blick auf Südafrikas Landkarte werde ich von Afrikas südlichsten Punkt gereizt und schnell stehen wir mit ausgestrecktem Daumen am Straßenrand auf dem Weg nach Cape Agulhas, dem Grenzpunkt zwischen indischem und atlantischem Ozean. Auf den Ladeflächen der Farmertrucks reiten wir immer weiter in den Süden. Der zwei Stunden Fußhike durch die Wüste gibt mir das Gefühl, dass die Welt mir allein gehört und lässt mich Wasser zutiefst schätzen. Wenn Wasser in der Wüste knapp wird, ist das Pfützenwasser der Schafe auf dem Feld eine richtige Versuchung. Wie gut es tut, Gutes mal zu missen, um es anschließend richtig zu genießen. Nach weiterem Lift und letztlich etwa 400 km Weg im Rücken, checken wir im Backpackers ein und geben uns der Magie des Meeres hin. Der menschenleere Strand lässt mich einfach loslaufen mit sich ständig durchkämpfenden Lächeln im Gesicht. Ich kehre wieder um und treffe auf Krespo, der die Ruhe in der Nähe des Meeres sucht für Besinnung zu Gott. Ohne groß an der Oberfläche zu schwimmen, sprechen wir eine Stunde lang über sein Leben im Township, wie Gott doch alles ist, wie hart das Leben mit den Weisen ist, über die Diskriminierung der Schwarzen, die schockierende HIV Rate von 75 Prozent an seiner alten Schule, das nächtliche Unzuchtleben, bis mir kalt wird und ich laufe. Eine der wenigen Begegnungen, die prägen und den Verstand umkrempeln. Ein schockierendes Gespräch über die Glaubens- und Sündenwelt der Schwarzen. Nachdem ich fünf Monate weiß unter schwarz gewesen bin, liegen sie mir ganz besonders am Herzen, doch ich merke, dass sie mir hier mit gerechtfertigter Abneigung begegnen. In den Köpfen der Weisen herrscht Apartheiddenken, bestätigt durch rassistische Kommentare, doch mir begegnen sie liebevoll, offen und geben ein Freiheitsgefühl weiter, dass an anderen Orten fehlt. Nur zwanzig Prozent der Bevölkerung sollen scheinbar weiß sein, doch wer in die Innenstadt geht, am Strand liegt, in Bars ein Kühles trinkt, bekommt das Gefühl, dass alle weiß sind. Von dem Leben in den Townships wird wie von einer Kriminalwelt gesprochen, von der ich selbst nach meinem kleinen Besuch nichts bemerkt habe. Selbst der nächtliche Barbesuch gibt uns das Gefühl, dass sie sich freuen, dass sich jemand in ihre Welt rein traut. Das Bild, dass hier vollkommen Hurerleben geführt wird, ist leicht zu glauben, wenn man ihren Umgang miteinader kurz beobachtet. Jeder zweite in einem Township soll Aids haben und fast alle rauchen Gras und Alkohol wird über den Tag hinweg geschluckt. Dass jemand sein Leben bei einem Messerüberfall verliert, erregt nicht groß Aufsehen.
Mit Fahrrad schaffen wir auch die letzten sechs Kilometer bis ein ganzer Kontinent hinter uns liegt. Geographisch gesehen ein gewaltiger Ort - Weltmeere ringen miteinander.
Die Zeit am südlichsten Punkt Afrikas haben wir mit viel Bier und einer Nacht im völlig leeren Club vertanzt. Selten hat Tanzen so Spaß gemacht, wenn die Musik nur für dich spielt und dir der ganze Club gehört.
Morgan William, der Skater, der den ganzen Kontinent per Anhalter durchkreuzt ist, als Photograph arbeitet und gerade von zuhause geflohen ist, um ein Neues Leben in England anzufangen, bringt zum Nachdenken. Nachdem er mich gnadenlos bei ein paar Runden Skate auf dem Highway nieder gemacht hat, wir über Gott und die Welt gesprochen haben, rollt er nur mit Skateboard und einer Jacke einem neuen Leben entgegen.

Der krasse Unterschied von arm und reich, schwarz und weiß ist nur schwer zu schlucken, doch im Gesamtbetracht ist Südafrika ein Traumland für individuell Reisende. Ich lasse Südafrika, das nur so wenig von Afrika hat, hinter mir und kehre zurück in mein Township, Tanzania, meine Heimat.
Welt bricht auseinander und ich mache mir mein eigenes Bild davon. Ich bin der fragend Reisende und Liebe ist die Antwort.

We got more of everything



So viele Dinge tut man fuer den Gewinn, den Ruhm, Ehre und Stolz und
verliert alles. Einer Leidenschaft folgend finde ich alles, was ich
zum Leben brauche. Was nuetzt mir die Welt, wenn ich meine Seele
verliere. Doch wie schoen ist sie, wenn man weiss wofuer, wovon und
fuer wen man lebt. Ich kreuze den letzten fuer mich unerschlossenen
Teil Afrikas und komme Afrikas Spitze immer naeher und Heimat ist
immer weiter entfernt. 10000 Meilen liegen etwa zwischen dem, wer ich
war und wer ich gerade bin. "When I first start traveling". Anfangs
hing mein Herz noch so an Dingen, die mich ausmachten, doch Zeit
vergeht und Herz veraendert sich und laesst los. Ich fliege. Der
rechte Fluegelarm des Fliegers sagt: "Do not walk outside this area",
doch viel zu weit bin ich nun hinausgetreten. Waehrend ich die
tansanische Tageszeitung auf Kiswahili lese, auch wenn noch nicht in
jedem Detail verstehe, den Kids schwer Tschuess gesagt habe, durch
etwa sechs briefliche Liebesgestaendnisse motiviert bin bald zurueck
zu kommen, komme ich zunaechst mit Bus in Dar Es Salaam an und merke,
dass diese Stadt eine ganz andere ist, wenn man irgendwie dazu
gehoert. Sprache oeffnet unglaubliche Tueren. Die Taxifahrer sind auf
einmal Freunde und weiss zu sein macht fast Spass, wenn man immer
wieder erstaunte Dankbarkeit ausgesprochen bekommt, dass man sich so
der Sprache, der Kultur hingegeben hat. Ueber die Witze des Kondakters
(Schaffner) kann mitgelacht werden und Mzungukommentare werden
gekontert. Ich treffe Joseph in der Stadt und unsere Unterhaltung
findet ausschliesslich in Kiswahili statt, zur Verwunderung all der
Weissen, die ebenfalls im YMCA speisen. In Korasini, bei Tabeas
Strassenjungs, wird mir nochmal klar, was fuer einen heftigen Dienst
diese Frau im Verborgenen tut. Noch bis spaet in den Abend erzaehlt
sie mir Davids Lebensgeschichte, dem Typen, den ich beim Eintreten
kurz getroffen habe.
 
[zenziert - frag nach, wenn Interesse]

Jeder von Tabeas Jungs hat unglaubliche Geschichten und auf den Strassen,
auf dem Pikipiki, auf dem Schiff erzaehlen mir Leute von ihrem Leben,
von ihrer Gegenwart, ihrer Zukunft und ich schlucke - in welch
Gegenwart wir leben.


Ich bin auf dem Weg nach Suedafrika, afrikanischer Fluchtort,
afrikanisches Europa, der Himmel in Afrika, gepraegt von hohem
Lebensstandard und den Townships, von gehobener Gesellschaft und den
Schwarzen, die um ihr Leben kaempfen. Ich bin gespannt, wie dieser
Teil Afrikas auf mich wirkt und wieviel von der Apartheid noch zu
spueren ist. Zwei Wochen werden nicht reichen um alles zu fassen, doch
einen kleinen Eindruch werde ich sicherlich erhalten. Das Flugzeug
setzt nun zur Landung ein und ich freue mich in zwei Wochen in meine
afrikanische Heimat zurueck zu kehren.