Nachdem anfangs alles neu, alles fremd, alles aufregend war, lebe ich nun im afrikanischen Alltag. Ich beginne meinen Tag damit die Kinder aus dem Bett zu reißen, reite sie über afrikanische Offroadstraße zur Schule. Dann suche ich mir Arbeit in der Shamba, pinsel durch die Gegend, lege Fundamente, spiele hier und da Fundi (Handwerker), räume Lager ein, um es später wieder auszuräumen, buddel Löcher in den Boden und erledige Einkäufe. Zur Mittagszeit, wenn die Sonne senkrecht auf den Kopf knallt geht es durch Morogorowelt und ich komme mit Kindern zurück. Am Nachmittag bin ich Mwalimu Paulo (Lehrer) und unterrichte Englisch in Kiswahili und wunder mich, dass es funktioniert. So wie überall nach einiger Zeit, lebe ich in Gewohnheit und mit Ehrfurcht begegne ich ihr. Gewohnheit lässt dich vergessen wo du bist, raubt dir die Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge, lässt dich vergessen zu danken oder man dankt aus Gewohnheit ohne nötigen Ernst. Gewohnheit nimmt dir die Fähigkeit zu schätzen. Vor Gewohnheit bin ich einst geflohen und finde mich wieder in Gewohnheit.
Ich bete für die erste Liebe, die mir die erste Zeit so besonders gemacht hat und mich sprachlos dieser Welt gestellt hat. Ich bete nicht den Sinn zu verlieren, in meinen Taten und das einzig richtige Motiv der LIebe zu gebrauchen. Ich bete für anhaltende Freude, trotz gelegentlicher Mutlosigkeit. Wo ich anfangs der Exot in einer exotischen Welt war, gehöre ich heute einfach dazu und es raubt ein wenig die Motivation, wenn man keine Dankbarkeit verspürt. Heute laufen mir Biana und Ratifa entgegen und übergeben mir einen Brief von Rehema, der mich trotz einfacher Worte fasst zu Tränen gerührt hat. Für jede noch sie kleine Tag spricht sie aufmerksam Dank aus und schätzt, dass ich mich ihrer Welt hingebe und schließt mit den Worten. „I love you so much“. Ich realisiere, dass hier das erste Mal konkret Dank ausgesprochen wurde und schätze es vom tiefstem Herzen. Wo ich vorhin noch an dem Sinn meiner Taten gezweifelt habe, wächst neue Motivation. Zu Abend habe ich ein halbes Dutzend Briefe zu beantworten und verstehe ich bin geliebt an diesem Ort. Ich merke wie sehr ich sie liebe. Die kleinen unbedeutenden Momente, die keinen interessieren, machen den Alltag so besonders.
Kaka Benni ist zur Zeit mein Mitbewohner und ich habe einen Seelenverwandten in ihm gefunden. Er ist Opfer der Flutkatastrophe in Dar Es Salaam und hat sein ganzes Hab und Gut verloren, samt Kleidung und Möbel. Ein Bett ohne Matratze ist ihm geblieben. Ein paar meiner Kleidungsstücke gehören bereits ihm. Die Gemeinschaft mit ihm tut mir gut und ich lache herzhaft und fühle wachsende Freundschaft, die noch lange hält.
Übermorgen besteige ich den Flieger nach Südafrika für das Zwischenseminar und bin gespannt wie diese Ecke Afrikas auf mich wirkt. In Plettenberg Bay ist die höchste Brücke weltweit, von der ein Bungeesprung möglich ist. Wer weiß, ein Sprung hinaus aus der Gewohnheit?
Mein Typhuswert ich noch nicht gesunken, ich fühle aber keine Symptome. Verharrt bitte im Gebet!
In Liebe
Dienstag, 21. Februar 2012
Dienstag, 7. Februar 2012
Mein Ringen
Alles, was auf mich wirkt ist so momenthaft und sprunghaft, dass nicht einmal meine Seele alles gefasst bekommt, wie soll Verstand da hinterher kommen? Mit Verstand wird geschrieben, doch mein Herz hat so viel zu sagen, was Stift und Papier nur begrenzen. Und immer wieder klage ich und finde mich wieder mit diesen einleitenden Zeilen, die die Unvollkommenheit des Geschriebenen entschuldigen. Immer wieder greife ich zu denselben Worten und Fachbegriffe, die minimalisieren, fehlen mir. Ich schreibe, weil ich alleine bin - ich schreibe, um zu sehen, dass ich nicht alleine bin.
Solange quält man sich mit seiner Unzulänglichkeit, bis man sie eingesteht und erkennt, dass man doch nicht alleine ist. Ein oder zwei Talente hat mir mein Herr mit auf den Weg gegeben, mit denen ich mich durch die Welt kämpfe. Nur so leicht bepackt habe ich Heimat verlassen, doch der Gebrauch schafft mein Ringen.
Ich schreibe, spiele die Saiten, dichte und singe mit gegebener Leichtigkeit. „ich kann“ spricht meine Seele und lässt mich glücklich, doch stolz. Erinnerung sticht mir in den Kopf und zeigt mir mich selbst vor Menschen, die bedauernd schweigen, als ich mich dermaßen in der Wortwahl mit irreführendem Gedankengang vergriffen habe. Ich versinke in meiner Schwachheit und grabe tief für die ein oder zwei Talente. Stolz zieht in die Höhe, während meine Schwachheit mit vollem Gewicht der Gravitation nachgibt. Ich zerreiße mich selbst.
Geist, gib mir Dein Maß und lass all meine Stärke meine Schwachheit sein, durch die Du stark bist. Ich habe keine Stärke, die nicht durch Dich aus Schwachheit heraus gewachsen ist. Von mir wegblickend, hoch hinauf, schaue ich.
Ohne große Gedanken, nimmt der halb bekleidete, belustigende Mann meine Aufmerksamkeit mit den Worten: „Wir sind uns ziemlich ähnlich, da wir den gleichen Vater haben, aber verschiedene Mütter.“ Nach scherzhaftem weiteren Vergleichen, verabschiedet er sich schnell: „Wir treffen uns dann morgen wieder hier!“ Ich befinde mich in einer leicht belebten Gasse irgendwo in der Stadt. Wie erleichternd diese Erkenntnis von einem Schwarzen, auch wenn von der Gesellschaft vielleicht für verrückt Erklärtem, vermittelt zu bekommen…
Ich ziehe weiter und meine Gedanken bleiben an dem in einem Reifen sitzenden, von der Masse umjubelten Mann hängen. Lachend und applaudierend erfreut sich die Menge an ihrem Erfolg und feiert den Umzingelten. Regungslos sitzt er da, während seine Frau bei schwachem Licht der Öllampe, mit ein paar Eimern Wasser und vielleicht drei Kindern auf seine Rückkehr wartet. Das Wasser steht schon über der Flamme und braucht seine Zeit, bis es bei der schwachen Glut zum Kochen kommt. Das Verkaufen von tansanischen Flaggen, hat sich der Vater im Reifen zum Beruf gemacht und reicht nicht aus um seine fünfköpfige Familie durchzubringen. Not gibt Mut zu unvergesslicher Tat. Sein Tageslohn hat heute nicht für den Einkauf des Ugalimehles gereicht und das Wasser mit dem aufsteigenden Dampf siedet schon. Nur ein Handgriff, genug für den heutigen Abend, um morgen einen neuen Versuch mit seinen tansanischen Flaggen zu starten. Nur eine Handvoll brauchte er zum Leben an diesem Abend. Eine Handvoll hat gereicht. „Mwizi, mwizi“ waren die Worte, die das Schauspiel mit dem Reifen eingeleitet haben. Die Worte, mit denen sie ihren Erfolg rechtfertigen, während ich völlig entsetzt im Kreis stehe und an das bereits abgekochte Wasser in der Lehmhütte denke.
Zakarias Beschreibung von diesem, von ihm gesehenen, verkohlten Mannes im Autoreifen, hat mich an seine mögliche Geschichte denken lassen, die er keinem erzählen kann und mich sie einfach erfinden lassen hat, doch so wahr ist sie in dieser Welt. Es waren die Leute, denen ich täglich auf der Straße begegne, die mich stets grüßen und mich drängend zu sich nach Hause einladen, um ihren letzten Sack Ugalimehl aufzubrauchen. Es waren eben diese Leute, die lachend im Kreis standen. Jeder, der versucht einen Dieb zu verteidigen, darf sich ihm anschließen und seine letzten Minuten brennend in einem Autoreifen verbringen oder man wird ans Kreuz gehängt.
Solange quält man sich mit seiner Unzulänglichkeit, bis man sie eingesteht und erkennt, dass man doch nicht alleine ist. Ein oder zwei Talente hat mir mein Herr mit auf den Weg gegeben, mit denen ich mich durch die Welt kämpfe. Nur so leicht bepackt habe ich Heimat verlassen, doch der Gebrauch schafft mein Ringen.
Ich schreibe, spiele die Saiten, dichte und singe mit gegebener Leichtigkeit. „ich kann“ spricht meine Seele und lässt mich glücklich, doch stolz. Erinnerung sticht mir in den Kopf und zeigt mir mich selbst vor Menschen, die bedauernd schweigen, als ich mich dermaßen in der Wortwahl mit irreführendem Gedankengang vergriffen habe. Ich versinke in meiner Schwachheit und grabe tief für die ein oder zwei Talente. Stolz zieht in die Höhe, während meine Schwachheit mit vollem Gewicht der Gravitation nachgibt. Ich zerreiße mich selbst.
Geist, gib mir Dein Maß und lass all meine Stärke meine Schwachheit sein, durch die Du stark bist. Ich habe keine Stärke, die nicht durch Dich aus Schwachheit heraus gewachsen ist. Von mir wegblickend, hoch hinauf, schaue ich.
Ohne große Gedanken, nimmt der halb bekleidete, belustigende Mann meine Aufmerksamkeit mit den Worten: „Wir sind uns ziemlich ähnlich, da wir den gleichen Vater haben, aber verschiedene Mütter.“ Nach scherzhaftem weiteren Vergleichen, verabschiedet er sich schnell: „Wir treffen uns dann morgen wieder hier!“ Ich befinde mich in einer leicht belebten Gasse irgendwo in der Stadt. Wie erleichternd diese Erkenntnis von einem Schwarzen, auch wenn von der Gesellschaft vielleicht für verrückt Erklärtem, vermittelt zu bekommen…
Ich ziehe weiter und meine Gedanken bleiben an dem in einem Reifen sitzenden, von der Masse umjubelten Mann hängen. Lachend und applaudierend erfreut sich die Menge an ihrem Erfolg und feiert den Umzingelten. Regungslos sitzt er da, während seine Frau bei schwachem Licht der Öllampe, mit ein paar Eimern Wasser und vielleicht drei Kindern auf seine Rückkehr wartet. Das Wasser steht schon über der Flamme und braucht seine Zeit, bis es bei der schwachen Glut zum Kochen kommt. Das Verkaufen von tansanischen Flaggen, hat sich der Vater im Reifen zum Beruf gemacht und reicht nicht aus um seine fünfköpfige Familie durchzubringen. Not gibt Mut zu unvergesslicher Tat. Sein Tageslohn hat heute nicht für den Einkauf des Ugalimehles gereicht und das Wasser mit dem aufsteigenden Dampf siedet schon. Nur ein Handgriff, genug für den heutigen Abend, um morgen einen neuen Versuch mit seinen tansanischen Flaggen zu starten. Nur eine Handvoll brauchte er zum Leben an diesem Abend. Eine Handvoll hat gereicht. „Mwizi, mwizi“ waren die Worte, die das Schauspiel mit dem Reifen eingeleitet haben. Die Worte, mit denen sie ihren Erfolg rechtfertigen, während ich völlig entsetzt im Kreis stehe und an das bereits abgekochte Wasser in der Lehmhütte denke.
Zakarias Beschreibung von diesem, von ihm gesehenen, verkohlten Mannes im Autoreifen, hat mich an seine mögliche Geschichte denken lassen, die er keinem erzählen kann und mich sie einfach erfinden lassen hat, doch so wahr ist sie in dieser Welt. Es waren die Leute, denen ich täglich auf der Straße begegne, die mich stets grüßen und mich drängend zu sich nach Hause einladen, um ihren letzten Sack Ugalimehl aufzubrauchen. Es waren eben diese Leute, die lachend im Kreis standen. Jeder, der versucht einen Dieb zu verteidigen, darf sich ihm anschließen und seine letzten Minuten brennend in einem Autoreifen verbringen oder man wird ans Kreuz gehängt.
Donnerstag, 19. Januar 2012
Tiefere Gewässer
Irgendwo in etwa 2000 Meter Höhe öffnet der Berg unter mir seine Ader. Fließend bahnt sich der neugeborene Fluss einen Weg in die Tiefe, reißt sich an Felsen vorbei und springt meterhohe Klippen hinunter. Rauschend zieht er auch an mir vorbei und hat mir über Jahre die Landschaft saftig grün ausgemalt. Am Flussufer strecken sich etliche Bäume in die Höhe mit Lianen, die sich in den Baumkronen festgeklammert haben und ihre Füße im Wasser baumeln lassen. Die Wolken über mir halten alles in trüber, schlafender Stimmung. Abgesehen von der Krabbe unter dem Felsbrocken neben mir, die sich durch ein kurzes Winken bemerkbar gemacht hat, den Ameisen, die mich mühevoll erklimmen und meine Aufmerksamkeit für ein kurzes Wegschlagen erhalten und dem scheinbar einzigen Bewohner dieses Regenwaldes, der Holz schleppend an mir vorbei gezogen ist, bin ich alleine hier. Das Klimpern der Natur ersetzt den Lärm der Kids. Letzten Samstag befanden wir uns an eben diesem beschriebenen Ort samt allen Kids und Mitarbeitern und haben uns an den Lianen vor mir vergnügt. Unglaublich mit welch einer Freude sie mit dem Fluss gespielt haben, ihn für kurzen Moment überflogen haben oder mit einem leichten Sprung gebrochen haben. An meinen Rücken geklammert, bitten sie mich sie in tiefere Gewässer zu führen, um kurz der Welt durch ein Abtauchen zu entfliehen. Hier, auf schwarzem Kontinent, auf tansanischem Land, im schönsten Regenwald, auf hartem Felsen, in großer Welt, sitze ich nun und spüre Seinen Blick. In vielen Jahren wird dieser Ort, dieser Moment, diese Zeit, das sein, wonach ich mich zurücksehnen werde. Wo werde ich in vielen Jahren sein? Was mache ich in dieser Zeit und wie werde ich sie in vielen Jahren betrachten. Was macht sie aus mir? Wohin führt mich derjenige, der mich mit Seinem Blick begleitet und was sieht Er, wenn Er kurz in die Zukunft blickt? Das sind die Fragen, die mich beschäftigen, wenn ich durch Regenwald einen Weg zur Stille gefunden habe. Ich merke, dass in mir alles gar nicht so still ist und wünschte mir ein wenig mehr Ruhe.
Gott gibt mir auf wunderbare Weise besondere Begabung im Erlernen der Sprache, auch wenn ich noch bei einigen Gesprächen versage, komme ich doch schon sehr weit, zum Wohlgefallen der Kids, die mir die größte Hilfe sind. Die Beziehungen werden immer persönlicher und die Kinder immer offener. Ich habe ohne Stock eine etwas schwerer zu erreichende Autorität gewonnen und merke, dass zählt, was ich sage.
Eine kleine Verwunderung will ich hier noch ausdrücken. In einer unserer abendlichen Andachten erzählt Felista davon, wie wichtig es ist Vater und Mutter zu ehren und stützt sich auf eine Stelle im Epheserbrief. Leider hat meine Konzentration nicht gereicht um ihren Gedankengang komplett zu verstehen, aber fragend sitze ich mit Gitarre im Schoß auf dem Sessel und frage mich wen sie wohl mit Vater und Mutter meint. Was versteht ein Kind unter Vater und Mutter ehren, wenn es keine hat. Ich schaue in die Runde und sehe Bibi und Dada Agnes und ich finde mich in diesem Kreis [...]
Gott gibt mir auf wunderbare Weise besondere Begabung im Erlernen der Sprache, auch wenn ich noch bei einigen Gesprächen versage, komme ich doch schon sehr weit, zum Wohlgefallen der Kids, die mir die größte Hilfe sind. Die Beziehungen werden immer persönlicher und die Kinder immer offener. Ich habe ohne Stock eine etwas schwerer zu erreichende Autorität gewonnen und merke, dass zählt, was ich sage.
Eine kleine Verwunderung will ich hier noch ausdrücken. In einer unserer abendlichen Andachten erzählt Felista davon, wie wichtig es ist Vater und Mutter zu ehren und stützt sich auf eine Stelle im Epheserbrief. Leider hat meine Konzentration nicht gereicht um ihren Gedankengang komplett zu verstehen, aber fragend sitze ich mit Gitarre im Schoß auf dem Sessel und frage mich wen sie wohl mit Vater und Mutter meint. Was versteht ein Kind unter Vater und Mutter ehren, wenn es keine hat. Ich schaue in die Runde und sehe Bibi und Dada Agnes und ich finde mich in diesem Kreis [...]
Sonntag, 8. Januar 2012
Vom Haupt zum Fuß
Samstag, 10.12.11
Moshi, vor dem Haupt Afrikas, dem Berg mit Königsgewand, Kilimanjaro. Mr und Mrs Street haben ihr Leben dem Dienst hingegeben und leben nun in einem Traumhaus und völlig benommen habe ich heute das erste Mal warm geduscht. Sieben Stunden lang sind wir von meiner afrikanischen Heimat Morogoro in den Norden vorgedrungen, wo die Regenzeit bis zum Grün gekämpft hat und Mbuyu (Affenbrotbaum) Blätter an den Wurzeln trägt. Die ersten Schirmakazien schmücken die Landschaft und weite Blicke sind gegeben. Die Maasaisteppe haben wir östlich passiert, um über Moshi hineinzutreten. Doch zunächst einmal heißt es dem König der Berge die nötige Ehrehrbietung zu erweisen. Bis jetzt hat er sich hinter Wolken versteckt und sein Angesicht verborgen. Dankbar freue ich mich über all die Blicke und Eindrücke, die ich erleben und genießen darf.
Einschnitt – ein paar Tage zuvor gehe ich gemeinsam mit Tina auf Familienbesuch zu Klein Tina. Die Mama, die unserem Auto im Schnellschritt hinterher rennt, weil wir ihre unauffälligen vier Wände übersehen haben, ist vor einer Woche hochschwanger die letzten paar Hundertmeter zu ihrer Schwester gelaufen, als sie gemerkt hat, dass ihre Fruchtblase geplatzt ist. Eine Geburt im Krankenhaus konnte der Vater Klein Tinas mit den Bechern Holzkohle, die er vor seinem Zweizimmerhaus verkauft, nicht finanzieren. Einen anderen Job als einen Sack Kohle für ein paar Shilling stückweise an die vorbeiziehenden Nachbarn zu verteilen, kann der Mann nicht ausführen, seit ihm ein LKW vor einiger Zeit beide Beine unbrauchbar gemacht hat. Eine Stunde hat Klein Tina gebraucht, bis sie das Licht der Welt erblickt hat. Eine Woche später sitze ich, in der mit ein paar Decken eingerichteten „Wohnung“, auf dem Boden und halte Klein Tina im Arm mit Blick in ihre dunklen Augen. Zwei ältere Geschwister hat sie, mit denen sie die vier Kanister Wasser, den Sack Kleindung in der Ecke und Mama und Papa teilen muss. Papa, der eigentlich gar nicht Papa ist, weil Mama fremd gegangen ist, erzählt lächelnd und begeistert von der schnellen Geburt. Ihren Namen erhält Klein Tina von der Missionarstochter mit dem selbigen Namen, die sich mit 20000 Shilling verabschiedet. Ein Monatslohn für den Kohle verkaufenden, kriechenden Familienvater -
Auf der Straße sieht man edle Frauen mit erhobenem Haupt und prächtiger, sauberer Kleidung und schön geflochtenen Haaren, die Straße entlang gehen. Zuhause angekommen, schlafen sie auf einer mit Stroh unterlegten Decke in einem fünf Quadratmeter Hütte aus Lehm und Stroh.
Montag, 19.12.11
Von Moshi durch den Marktgeschrei der Metropole Arusha wird es immer ruhiger, je weiter wir in die Massaisteppe fahren. Bis wir letztlich so weit vorgedrungen sind, wo Mensch noch im Einklang mit Natur lebt. Massai ziehen mit riesigen Herden immer wieder vorbei während wir nochmal das Kindercamp durchdenken. In einer Woche wurde ich von dieser wirklich spannenden Kultur gefesselt und freue mich über diesen kurzen, aber doch intensiven Einblick. Die Lobpreiszeit mit lautem Kimaasaigesang wird mir bis zum letzten Tag in Erinnerung bleiben. „Siku ya mwisho tutapewa mabawa, tutaruka kama ndege wa amgani“ ist die kiswahili Übersetzung für das Gänsehaut bereitende Lied.
Zurück in Arusha - Kindheitsträume werden heute wahr. Große Welt wird immer kleiner. Die tierreichste Gegend der Welt wartet darauf von mir erblickt zu werden. Zwei Millionen Tiere ziehen in einem intakten Ökosystem im Kreis herum und ich jage sie mit meiner billigen Kamera. Fotos lassen andere Menschen miterleben, mitleiden und geben Möglichkeit Freude zu teilen. Gottes schönsten Teil der Schöpfung darf ich betreten. Ich sitze in Arusha in einem Hostel und warte bis um 9.00 Uhr das afrikanische Safariauto vorfährt. Ich gebe mich in Gottes Hände!
Auf der Safaritour schaffe ich dank spärlicher Sprachkenntnis Verbindung zu den lässigen Guides und beobachte mit Scham die reichen Wazungutouristen, die denken sie haben Afrika gesehen, weil sie die Serengeti mit dem Auto durchfahren. Die Frage, ob ich Tansaner bin oder wie viele Jahre ich schon hier lebe, fasse ich als Kompliment auf und fühle langsam, dass ich im Kreis des Systems bin und nicht mehr nur von außen beobachte. Ich fange langsam an Mbongopreise (Einheimische) zu zahlen und komme im Geschäft, im Straßensystem, in der Nacht gut zurecht.
Serengeti, Ngorongorokrater – nichts Schöneres habe ich bis jetzt gesehen. Der letzte Garten Eden auf dieser Welt, wo Tierwelt so lebt, wie Gott es vorgesehen hat. Vorbei an den Big Five und durch 1,5 Millionen Gnus und Tausenden von Zebras, begegne ich dem Löwen und Blickkontakt versetzt mich in Respekt und Ehrfurcht. Durch Grassavanne schlendert er als einziger Mann unter drei Löwinnen vor unser Auto und legt sich in den Schatten, den das Auto vor uns wirft. Den Fleischwunden an seinem Rücken und seinem humpelnden Bein ist abzulesen, dass er einem Territoriumkampf als Schwächerer entgangen ist. Im sicheren Gehege des Safariautos bringt mich sein Anblick fast zu Tränen. Der König der Steppe verlässt sein Land und wird zum Lamm. Der Löwe, das Symbol wilden Abenteuers, endloser Weite, Stärke und Bild für meinen Erlöser. Ich, in mitten Seiner Welt .
Samstag, 31.12.11
Zwei Tage bevor ich in den Flieger gestiegen bin, wurde ich von Waldemar Sardarzuc vor versammelter Menge gewarnt: „Pass auf, dass du dich nicht verliebst!“
Die Sprache erlaubt mir mich langsam näher an die Herzen der Kinder heranzutasten und ich bin völlig verwundert wie viel Nähe und Liebe sie brauchen. Auf dem Weg zum Wassertank komme ich nur selten ohne Umarmung davon, im Wohnzimmer findet fast immer jemand Platz auf meinem Schoß, dass es mir schon fast gar nicht mehr auffällt. Mit Blick in die Sterne spreche ich mit Yoshua über Kindheitsträume bis hin zur Frage, ob ich sie vermissen werde, wenn ich wieder gehe. Sieben verbleibende Monate geben mir allen Grund, das Gespräch über Abschied zu verschieben. Justin will den Abschied bis zum letzten Lebenstag hinausschieben. Im Herzen danke ich Gott, dass er mir die Kraft gibt zu lieben. Unglaublich wie viel Liebe Kinder geben können. Sie haben so viel von dem, was ich mir für meine eigenen Kinder wünsche. Ihre Welt ist nicht mit Technikwelt versaut und es wird mit Stock und Stein gespielt, Bäume werden erklimmt und Hütten gebaut.
Ich überdenke alles Geschriebene und alles, was noch in mir brodelt und stelle fest, ich habe mich verliebt, doch ich verstehe noch nicht warum ich davor gewarnt wurde.
Dienstag, 03.01.12
Nun steht zum ersten Mal eine zwölf am Ende des Datums. Abenteuergeschichten der Kindheit regen einen schön früh dazu an das sichere Umfeld zu verlassen und sein eigenes Abenteuer zu leben. Man träumt von weiter See, weitem Land, dem Blick bis zum Horizont, wenn man sich einmal in alle Himmelsrichtungen dreht. Man wagt den Schritt hinter den Zaum, der geschickt gezogen wurde und will gehen ohne Blick zurück. Die Ferne ist mein Fluchtort, ein Ort der Veränderung, ein Sieb für wahre Freundschaft. Es bleibt, wer wirklich liebt. Nur einen Freund habe ich, der mir bis hier her gefolgt ist und der gemeinsam mit mir Liebe verteilt. Das Leben ist eine ewige Reise in die Ferne bis zu dem Tag, an dem ich endlich völlige Freiheit erlange und mit Flügeln hoch hinauf steige zu dem, der seit meinem ersten Lebenstag gespannt auf mich wartet und sich fragt ob ich und wie ich ankommen werde. Diese Welt besteht einzig und allein aus großer Ferne mit Seelenheil im wirklichen Zuhause.
Sonntag, 08.01.12
Kein Schnee, keine Weihnachtsbeleuchtung, kein Weihnachtsmarkt, keine Weihnachtslieder in den Supermärkten, keine Supermärkte, kein Weihnachtsgebäck, keine Geschenke unterm Weihnachtsbaum, kein Weihnachtsbaum, keine vertrauten Freunde, keine Familie. Dieser große Mangel an Dingen, die Weihnachten um schmücken lässt mich ganz neu verspüren, worum es wirklich geht. Alles was ich für ein gelungenes Fest brauche, ist die Freude an dem Freund, der mir als einziger bis hier her gefolgt ist, der das Sieb der Ferne überstanden hat. Während ich mit der Hacke durch den Hof schlage, verspüre ich Dankbarkeit dafür, dass sich mein bester Freund trotz tiefen Blickes in mein Inneres auf diese Welt begeben hat. Um 9.00 Uhr abends soll der Gottesdienst beginnen in der Kirche ohne Türen und Fenstern, ohne Strom. Dank der Dunkelheit kann ich unbemerkt schlafend Kraft tanken, bis es letztlich in Jubeltanz übergeht, als die Uhr 12.00 schlägt.
Pilau und Kuchen haben den Tag zu etwas besonderen gemacht. Er hat sich weiterhin nicht groß von den anderen unterschieden. Es war mir eine große Freude den Kids die von Deutschen vorbereiteten Weihnachtspakete zu überreichen. Ich habe mich immer gefragt, was meine Eltern immer wieder dazu bewegt habe, mir unverdient Geld zu geben, wenn ich angeschnorrt kam. Jetzt, wo ich selbst in der Position des Gebenden stehe, merke ich wie viel glücklicher es macht zu Geben. Mein wöchentlicher Ausgang in die Stadt beginnt mit lautem Abschiedsrufen „Zawadi!“ (Geschenke). Es tut gut sie spät am Abend dann in einer Reihe vor sich zu haben und die mitgebrachten Lollies zu verteilen. Die Gefahr des Gebens ist der Verfall in Selbstgerechtigkeit und ein Wegblicken von der Gnade, die man selbst zum Leben erhält. Ich bete, dass Liebe das erste, letzte und einzige Motiv jeder meiner Taten ist.
Silvester finde ich mich erneut in der Rohbaukirche für einen Abendgottesdienst wieder. Tanzend und singend übe ich afrikanisch zu feiern. Solch ein Genuss und die Kinder stoppen jeden Ansatz von Heimweh. An die Außenwand der Kirche angelehnt, in einem dunklen Winkel mit Blick in die Sterne mache ich mir klar, wo ich bin und wer ich bin und lege betend alles in Gottes Hände. Im Hintergrund lausche ich wie die Kids sich an dem Bibelratespiel erfreuen und freue mich, dass ich fast alles verstehe. Mit Lobpreis und Gebet hat das neue Jahr begonnen und mit Samuel im Arm spreche ich das erste Gebet. Mwanaidi, eine erste Freundin, fällt mir um den Arm mit den Worten „Heri ya mwaka mpya!“ Jedes Fest der Liebe ist auch immer gleichzeitig eine Erinnerung an die Probleme, die der Liebe im Weg stehen. Es ist mal schön, all diese betrübenden Gedanken, die mit der Liebe konkurrieren in der Ferne zu vergessen. Ich finde nicht die richtigen Worte, um deutlich zu machen, dass ich besondere, seltsame und spezielle Feiertage hatte, die ich für 28 Kids aufgeopfert habe, die ich nun vom Herzen liebe.
Bei einem weiteren Aufstieg des Regenwaldberges hat mein Handy Wasser geschluckt und trotz Notaufnahme beim Fake Fundi gestorben. Der nächste Nokia ähnliche Shop, bei dem ich mein Handy abgegeben habe, besteht aus einer Kiste mit Handyteilen und der Aufschrift „Fundi Simu“. Ein einziger Angestellter, der mir versichert, dass er das Handy in 10 Minuten wieder hinkriegt. Nach ein und halb Stunden redet er sich damit heraus, dass er keine Originalhandys reparieren kann.
Außerdem kann ich keinen Ersatz für meine gestorbenen Ipod Kopfhörer finden. Ich stoße immer nur auf lauten Blechdosensound. Ich leide mit nur einem funktionierenden Ohrhörer.
Gestern am 07.01.12 war Weihnachten. Ich halte ein Paket in den Händen, das mit Liebe vollgestopft wurde. Völlig entstellt und aufgerissen, hoffe ich, dass alles den Weg bis hier her gefunden hat. Mit hüpfendem Herzen fische ich die ganzen Süßigkeiten heraus und reiße erste auf und stopfe meinen Mund, während ich mit der anderen Hand weitergrabe. Mir fehlen die richtigen Worte, um meine Dankbarkeit auszusprechen. Unglaublich wie viele Leute an mich gedacht haben. Jedes Wort habe ich gefressen und hat mich zu tiefst berührt….
Jetzt wurde meine sentimentale Stimmung unterbrochen, weil etwa 14 Jungs mein Zimmer gestürmt haben. Die Gitarre schreit, mein erhaltenes Paket wird erneut ausgepackt, die Fotos durch die Runde gereicht und das Läuten der Bierklingel bringt mich zum Lachen….so, ich habe mein Zimmer jetzt zu einer Ruhestätte gemacht und ihnen in Kollektivunterricht „Chill out man“ beigebracht….
Tanja, dein Brief hat mich zu Tränen gerührt. Wowa, deiner macht einen emotionalen Sprung von melancholisch zu hyper fröhlich. Hat mich sehr gefreut. Das Safaribild von dem Mann in der Wildnis von Devid hat mich glücklich gemacht –eine sehr ausgeprägte Fantasie. Esther und Jana, ihr habt mir solche eine Freude bereitet mit der Tageszeitung, dem Urlaubsfoto am Strand. Ich hab zum ersten Mal den Bürgerbrief gelesen und die Kindheitsfotos haben mich in tiefe Nostalgie versetzt und mich meine Kindheit schätzen lassen. Wie früh wahre Freundschaft doch anfängt^^ Tim und Sherrin, ich bin gespannt, was ich von euch für meine Seele auf dem Stick finden werde. Alles in allem habt ihr eins erreicht: ihr habt mich tiefe Liebe verspüren lassen und mir bewiesen, dass die Ferne Freundschaft nicht fressen kann. Auch wenn ich nicht auf alles eingegangen bin, habe ich doch jede noch so kleine Sache geschätzt und werde mir alles gut aufbewahren und die Süßigkeiten gut einteilen. So schön Socken am Weihnachten auch sind, in Afrika braucht man sie nicht. Aber sie sind und bleiben das beste Weihnachtsgeschenk! DANKE! Danke auch an alle, die mich finanziell unterstützen. Ihr macht mir dieses Jahr möglich und seid mir Segen!
Sonntag, 4. Dezember 2011
Wewe ndiye mchizi wangu!
Die Gefahr ist groß, wenn man andere am Verfassten teilhaben lässt, dass man nicht mehr für sich selber schreibt und sich verliert. Es geht dann nicht mehr um das Ganze, sondern nach einer Abwägung wird gefiltert und es bleibt, was interessiert, was bindet - Ich erinnere mich noch genau wie ich vor fast genau zwei Jahren den Supermarkt durchstöbert habe nach diesem Buch mit leeren Seiten, um Gedanken- und Seelenwelt ein wenig zu fassen. Heute, zwei Jahre später habe ich den Mut der Öffentlichkeit ein paar dieser Seiten Preis zu geben (...). Wieder stelle ich fest, dass all die gewählten Worte doch scheitern werden und nur in einen Rahmen setzen, was unmöglich eingerahmt werden kann.
Ich erinnere mich, wie ich als kleiner Junge, versunken in einer Couch durch das Fernsehprogramm zappe und kurz Halt mache, wenn ein Löwe in Zeitlupe eine Gazelle reißt, nachdem er sich leise durch das hohe Gras geschlichen hat. Schrimakazie und von der Sonne rot gefärbte Kulisse untermalen das wilde Naturphänomen. Ich zappe weiter zum Kinderkanal mit letzten Gedanken an den mutigen Kameramann, der sich so nah an die wilden Tiere, so weit in die Wildnis, getraut hat. Kein Gedanke daran, dass ich irgendwann diese Zeilen schreibe. In der Pubertät wird die Welt hinterfragt und sie wird größer und weiter. Fürchterfüllt lasse ich die Sehnsucht nach der Ferne in mir wachsen. Mit geringem Selbstvertrauen strecke ich das erste Mal den Daumen am Straßenrand raus und entfliehe der Schule nach Hause. Schon bald erreiche ich mit Freund Stockholm im fremdem Auto mit unbekanntem Fahrer und fahre mit Rucksack und Fahrrad drei Tage in die Eifel.
Nun sitze ich in tropischer Nacht, schlage Moskitos zur Seite und schreibe über gestillte Sehnsucht. Worte im Alter von 16 Jahren, wo es um die Entdeckung der großen Welt ging, sind nicht leer geblieben. Im Land Rover fahre ich heute auf gefühlter sechsspuriger, afrikanischer Straße ohne Verkehrssystem in die Stadt, um der afrikanischen Welt ein wenig europäische Abwechslung einzufügen und mir eine Pizza zu gönnen. Vom Herzen genieße ich sie, kurz entfernt vom Genuss der Liebe der Kinder. Der große Weiße, der mit Container angerollt kam und den man anfangs mit Abstand beobachtet hat, trägt sie jetzt Huckepack durch die Steppe, lacht gemeinsam über ihre Alltagsgeschichten, messt sich im Spaßkämpfchen und verliert den Stockkampf. Wenn Elia, Eliezer oder Pendo sich einen Platz auf meinem Schoß ergattert haben, mich ihrem "mchizi wangu" (ihren Verrückten) nennen, ich mir über ihr bisheriges Leben bewusst werde, bin ich vom Herzen dankbar, dass ich hier bin und tun darf, was ich tue. Mit rechtem Arm drücke ich Pascal näher an meine Schulter und lasse ihn kurz spüren, dass ich gerne hier bin und dass ich ihn lieb habe.
Nächste Woche verbringe ich eine Woche im Massailand und schlafe unter schönstem Sternenhimmel. Ein Kidscamp wird bei ihnen durchgeführt und ich kann es kaum erwarten. Anschließend geht es in die überteuerte Serengeti und ich bin der Kameramann, vor dem ich als Kind so großen Respekt hatte. Kalkuliertes, aber doch riskantes Abenteuerfeeling erwartet mich und ich freue mich unter Lagerfeuerschein in völliger Ruhe, unterbrochen vom Geschrei der wilden Tiere, Kiswahililieder auf der Mundharmonika zu verfehlen.
Hier, Jahre später, wird die Welt immer kleiner und kleiner und mein Blick reicht weiter und weiter.
Die letzten Gedanken, die mich zu diesen letzten Zeilen bewegen, gelten meinen Freunden und meiner Familie, denen ich kurz über Skype vor zwei Tagen beim Genuss des Belanglosem zuschauen, zuhören durfte. Von einigen von ihnen, war das das erste Lebenszeichen seit drei Monaten. Ich wurde kurz in die Heimat versetzt und mit Freude erfüllt. Erstaunt frage ich mich, wie Liebe Zeit überdauert und Distanzen nicht kennt. Wer bin ich, was tue ich, dass ich so viel unverdiente Liebe zugesprochen bekomme? Der Verstand ist völlig überstiegen und Herz versucht dankbar zu verarbeiten. Liebe macht keinen Sinn! Mit Liebe auf Enttäuschung zu antworten, ist nicht logisch. Zu vergeben, wenn dein Gegenüber dir den Rücken zukehrt, ist nicht logisch. Ans Kreuz zu gehen und zu sterben für Menschen, die dir die Nägel in die Hände schlagen, ist nicht logisch -
doch wer weiß, vielleicht rettest du ja die Welt.
Die Hunde heulen verrückt in die Nacht und heute ist der zweite Advent. Es fängt bald an zu schneien und Weihnachtsbeleuchtung schmückt die tote Welt. Morgen wird die Sonne mit etwa 30 °C auf meinen Kopf knallen.
...die Mücke, die mich beim Schreiben durch ein nervendes Sausen gereizt hat, ist jetzt tot - eine Mücke nervt mich beim kurzem Überlesen des Geschriebenen - unglaublich, dass so kleine Viecher dich für einige Wochen ausknocken können - Danke, dass ich bis jetzt auf den Beinen stand!
Ich erinnere mich, wie ich als kleiner Junge, versunken in einer Couch durch das Fernsehprogramm zappe und kurz Halt mache, wenn ein Löwe in Zeitlupe eine Gazelle reißt, nachdem er sich leise durch das hohe Gras geschlichen hat. Schrimakazie und von der Sonne rot gefärbte Kulisse untermalen das wilde Naturphänomen. Ich zappe weiter zum Kinderkanal mit letzten Gedanken an den mutigen Kameramann, der sich so nah an die wilden Tiere, so weit in die Wildnis, getraut hat. Kein Gedanke daran, dass ich irgendwann diese Zeilen schreibe. In der Pubertät wird die Welt hinterfragt und sie wird größer und weiter. Fürchterfüllt lasse ich die Sehnsucht nach der Ferne in mir wachsen. Mit geringem Selbstvertrauen strecke ich das erste Mal den Daumen am Straßenrand raus und entfliehe der Schule nach Hause. Schon bald erreiche ich mit Freund Stockholm im fremdem Auto mit unbekanntem Fahrer und fahre mit Rucksack und Fahrrad drei Tage in die Eifel.
Nun sitze ich in tropischer Nacht, schlage Moskitos zur Seite und schreibe über gestillte Sehnsucht. Worte im Alter von 16 Jahren, wo es um die Entdeckung der großen Welt ging, sind nicht leer geblieben. Im Land Rover fahre ich heute auf gefühlter sechsspuriger, afrikanischer Straße ohne Verkehrssystem in die Stadt, um der afrikanischen Welt ein wenig europäische Abwechslung einzufügen und mir eine Pizza zu gönnen. Vom Herzen genieße ich sie, kurz entfernt vom Genuss der Liebe der Kinder. Der große Weiße, der mit Container angerollt kam und den man anfangs mit Abstand beobachtet hat, trägt sie jetzt Huckepack durch die Steppe, lacht gemeinsam über ihre Alltagsgeschichten, messt sich im Spaßkämpfchen und verliert den Stockkampf. Wenn Elia, Eliezer oder Pendo sich einen Platz auf meinem Schoß ergattert haben, mich ihrem "mchizi wangu" (ihren Verrückten) nennen, ich mir über ihr bisheriges Leben bewusst werde, bin ich vom Herzen dankbar, dass ich hier bin und tun darf, was ich tue. Mit rechtem Arm drücke ich Pascal näher an meine Schulter und lasse ihn kurz spüren, dass ich gerne hier bin und dass ich ihn lieb habe.
Nächste Woche verbringe ich eine Woche im Massailand und schlafe unter schönstem Sternenhimmel. Ein Kidscamp wird bei ihnen durchgeführt und ich kann es kaum erwarten. Anschließend geht es in die überteuerte Serengeti und ich bin der Kameramann, vor dem ich als Kind so großen Respekt hatte. Kalkuliertes, aber doch riskantes Abenteuerfeeling erwartet mich und ich freue mich unter Lagerfeuerschein in völliger Ruhe, unterbrochen vom Geschrei der wilden Tiere, Kiswahililieder auf der Mundharmonika zu verfehlen.
Hier, Jahre später, wird die Welt immer kleiner und kleiner und mein Blick reicht weiter und weiter.
Die letzten Gedanken, die mich zu diesen letzten Zeilen bewegen, gelten meinen Freunden und meiner Familie, denen ich kurz über Skype vor zwei Tagen beim Genuss des Belanglosem zuschauen, zuhören durfte. Von einigen von ihnen, war das das erste Lebenszeichen seit drei Monaten. Ich wurde kurz in die Heimat versetzt und mit Freude erfüllt. Erstaunt frage ich mich, wie Liebe Zeit überdauert und Distanzen nicht kennt. Wer bin ich, was tue ich, dass ich so viel unverdiente Liebe zugesprochen bekomme? Der Verstand ist völlig überstiegen und Herz versucht dankbar zu verarbeiten. Liebe macht keinen Sinn! Mit Liebe auf Enttäuschung zu antworten, ist nicht logisch. Zu vergeben, wenn dein Gegenüber dir den Rücken zukehrt, ist nicht logisch. Ans Kreuz zu gehen und zu sterben für Menschen, die dir die Nägel in die Hände schlagen, ist nicht logisch -
doch wer weiß, vielleicht rettest du ja die Welt.
Die Hunde heulen verrückt in die Nacht und heute ist der zweite Advent. Es fängt bald an zu schneien und Weihnachtsbeleuchtung schmückt die tote Welt. Morgen wird die Sonne mit etwa 30 °C auf meinen Kopf knallen.
...die Mücke, die mich beim Schreiben durch ein nervendes Sausen gereizt hat, ist jetzt tot - eine Mücke nervt mich beim kurzem Überlesen des Geschriebenen - unglaublich, dass so kleine Viecher dich für einige Wochen ausknocken können - Danke, dass ich bis jetzt auf den Beinen stand!
Montag, 28. November 2011
Alltag und Feuer
Es ist nicht leicht sich auf Morgen zu freuen, denn die letzten Morgen bin ich mit solch einer unerklärlichen Unruhe in den Tag gefallen. Doch wehe mir, wenn ich anderen den Segen durch mich verwehre, wenn ich keine Freude in mir trage. Die Tage sind schwer voneinander zu unterscheiden. Sie beginnen früh mit Haushaltsaufgaben, einer Andacht, Chai ya Maziwa, die genussvollste Mahlzeit des Tages. Reis mit Bohnen, Reis mit Fisch, Ugali mit Dagha (Fisch), Makonde sind die spärliche Konkurrenz. Heute ist Sonntag, heute gab es Fleisch. Zwei kleine Stückchen durfte ich wertschätzen mit dem Hintergedanken, dass hoffentlich auch jeder etwas abbekommt. Langsam ist der Friedensvertrag mit Ugali durchgesetzt und ich konnte bei den letzten beiden Malen, fast von einer guten Kost sprechen. An das neue traditionelle Besteck „Finger“ findet man richtig gefallen und hat sogar dazu geführt, dass ich alt eingesessene Tradition geändert habe und mir den Hintern nun mit der linken Hand abwische und die rechte für das Essen heilig gehalten wird.
Der Englischunterricht geht nur schleppend voran, weil die Kids nicht lernen und nicht die richtige Motivation haben. Eine Woche bis zum Aufnahmeexam. Ich bin gespannt, wer sich bewährt. Mit Gebet hoffe ich auf Gnade und Wunder!
Meine freie Zeit nutze ich um zu lesen, werde aber von der ständigen Müdigkeit immer wieder zum Schlafen verführt. Immer wieder reiße ich aus und suche einsame Stunden. Die ersten Berge der Umgebung sind schon bestiegen. Beim letzten Aufstieg habe ich sechs der Kinder mitgenommen und wir wurden durch ein kleines Abenteuer geführt. Aufgrund der spontanen Abreise ging es erst gegen 4 p.m. Richtung Berg. Unterwegs stellen wir fest, dass er weiter entfernt ist, als es aus der Ferne erscheint und dass eine Flasche Wasser pro Mann zu wenig ist. Nach einer Stunde suchen wir Zuflucht im Schatten eines kleinen Baumes. In der nächsten Stunde erreichen wir den Berg. Völlig trocken und menschenleer ist diese Gegend. Die Anstrengung beim Aufstieg und der Mangel an Wasser haben uns nicht den höchsten Punkt erreichen lassen. Auf einem Felsen finden wir Zeit zum Durchatmen und für ein paar Beweisfoto, als wir im Tal ein scheinbar harmloses Feuer erkennen. Mit Geschwindigkeit frisst es das Stroh um sich herum und nimmt Strauch und Baum gefangen. Der geplante Rückweg wird uns vom Feuer versperrt und in der steileren Schräge des Berges eilt uns das Feuer entgegen. Wir sind zu weiteren Aufstieg gezwungen, um auf der anderen Seite dem Feuer zu entfliehen. In Eile rutschen wir den steilen Hang hinunter und stoßen auf einen kleinen Pfad. Wir folgen dem Pfad und schaffen es rechtzeitig zwischen zwei Feuerfronten hindurch zu marschieren. Dankbar erkenne ich Gebetserhörung. Die Dunkelheit setzt langsam ein und wird schnell zu Finsternis. Mit einer schwachen Leuchte suchen wir uns einen Rückweg und wandern unter schönem Sternenhimmel. Wasser haben wir uns vorher aus einer kleinen Hütte besorgt. Glücklich über die überstandenen Gefahren werfe ich einen letzten Blick auf den in Flammen stehenden, kilometerweit entfernten Berg und trete völlig erschöpft ins Haus ein und finde festen Schlaf.
Drei Monate sind jetzt vergangen und Weltwärts hat den ersten Erfahrungsbericht von mir eingefordert und mich um eine Reflektion meiner Gefühlswelt gebeten und mich über Entwicklungspolitik nachdenken lassen. Ich esse Ugali mit ihnen, fege ein wenig durch die Gegend, bringe ihnen Englisch bei, klopfe ein wenig mit Hammer und Nagel, spiele Fußball mit ihnen und erfreue mich am gemeinsamen Musizieren. Abends sitze ich mit ihnen auf einer Bank, angelehnt an die von der Sonne gewärmten Hauswand und rede und lache mit ihnen, bis die Sonne nach buntem Schauspiel die Sterne auf die Bühne lässt. Was von alledem als wirklich entwicklungspolitisch fördernd eingestuft werden kann, kann ich nur schwer beurteilen, doch was Entwicklungspolitik definitiv in den Schatten stellt ist bedingungslose Liebe. Ihr Lachen zu teilen, ihnen Freund sein und ihnen zuhören, wenn sie sich vertrauensvoll öffnen, sind die Dinge, die sie nicht vergessen und die Kinder, die von ihren Eltern in der Bananenplantage ausgesetzt wurden oder ihre Eltern an Aids verloren haben und den selben Lebensausgang erwarten, wirklich brauchen. Wer sich in ein Waisendorf begibt, um eine bessere Welt zu bringen, wird feststellen, dass sie diese gar nicht brauchen. Vielmehr brauchen sie Menschen, die ihre gebrochene Welt versuchen zu verstehen und sie mit Liebe in den Arm nehmen.
"And there will come a time, you'll see, with no more tears and love will not break your heart, but dismiss your fears. Get over your hill and see what you'll find there, with grace in your heart and flowers in your hair" sind die Worte von Mumford and Sons, die mir die richtige Stimmung für die letzten Zeilen geben.
Mittwoch, 9. November 2011
Afrikanische Welt - Morogoro
Und schon wieder sitze ich im Flieger und gehe. Etwas mehr als einen Monat habe ich in Kemondo verbracht und habe die Kids lieben gelernt. So schwer mir der Abschied auch fiel, die Kinder haben es nicht ganz verstanden. Den Hausmamas fiel es mir schwer zu sagen, was ich wirklich fühle und die Kids, die mir wirklich ans Herz gewachsen sind und die mich mit zum Hafen begleitet haben, sind den Abschied gewohnt und haben sich mehr für die Mannschaft der tansanischen Premierleague interessiert, die sich mit an Bord der Fähre befand, als einem Mzungu winkend in die wirklich afrikanische Welt zu verabschieden.
Es ist belastend, dass jeder Ort dich irgendwann mit Erwartungen überläuft – selbstgestellt oder von außen. Wenn ich alleine auf einer Insel fest sitzen würde, würde irgendwann die Pflicht drücken sich Nahrung zu verschaffen. Und immer ist da dieser Drang alles richtig zu machen. Ich wünsche mir so sehr göttliche Ruhe in mir zu tragen und völlig sorgenfrei, nicht sorglos, fürsorglich den Tag zu leben. Die Tatsache, dass ich immer mehr tun kann, als ich tue, plagt - die Welt retten kann ich jedoch auch nicht. Lass Frieden herrschen zwischen Tatendrang und Gelassenheit.
Die Afrikaner scheinen ganz der Gelassenheit verfallen zu sein, was zum großen Teil daran liegt, dass der afrikanische Lebensstil viel Geduld erfordert. Überall und auf alles wird gewartet und alles passiert später als geplant, wenn überhaupt geplant. Übermäßige Arbeit wird jedoch stumm ertragen, statt den Erfindergeist zu aktivieren und sich Erleichterung zu verschaffen. Etwa 20 Männer habe ich gezählt, die mit der Fikeo, dem afrikanischen Handrasenmäher, den Rasen am Flughafen bearbeiten. In Deutschland hätte eine Person auf einer Maschine gereicht. Ich frage mich wie viele Jahre Afrika noch braucht bis es nicht mehr gebeugt durchs Leben läuft, mit dem Leben auf dem Kopf…
Morogoro erwartet mich und das echte afrikanische Leben ohne Strom und Fließendwasser steht vor der Tür. 28 Kinder kennen bereits meinen Namen und ich reise mit einer einzigen Sprache im Handgepäck – Kiswahili als einzige Verständigungsmöglichkeit. Wer hätte gedacht, dass man bei der Begegnung mit einer Truppe von höchstens 15 Jährigen so aufgeregt sein kann.
Im Schlafbereich des Seitenladers nähere ich mich meiner neuen Heimat. In bereits eingetroffener Dunkelheit rollen wir auf das Gelände und bereiten das Abladen des mitgebrachten Containers vor. Die Kids sind auf dem Geländer verstreut und halten Ausschau nach dem Weißen, der sie für die nächsten neun Monate beim Leben begleitet. Ich mache meine ersten Fußtritte auf den sandigen, trockenen Boden und weiß noch gar nicht wo ich stehe und kann noch nichts einordnen. Die ersten Jungs frage ich nach ihre Namen und vergesse sie sogleich. Die kleine Pendo kann ich mir jedoch gleich einprägen. Pendo wie die Liebe – welch schöner Name. Nach dem ersten, kurzen Gespräch mit Tina finde ich heraus, dass Pendo die Jüngste im Center ist und ihren Namen von einer Krankenschwester erhalten hat. Ihre Mutter hat sie im Krankenhaus abgegeben und auf die Namenskarte „Nicht gebraucht“ geschrieben. Die Krankenschwester hat diese Worte mit „Liebe“ ersetzt. Bei der ersten Ibada (Andacht) am selben Abend habe ich alle 28 Kinder samt Dadas und Bibi Esther und Mama Eli im Solarlicht vor mir sitzen. Auf Kiswahili haue ich eine vollständige Introduction raus mit dem Bewusstsein, dass mir hier nur diese Sprache weiterhilft.
Kaka Zakaria ist der einzige potentielle, männliche Freund ansonsten habe ich hier einige Dadas denen ich unverständig zuhöre. Kiswahili erlaubt mir noch nicht zu sagen, was ich fühle, meine Gedanken bleiben Gedanken und jeder Witz verstummt in mir. Die Kids sind geduldig mit mir und freuen sich mich um sie zu haben. Ihr Gelächter lässt mich meine grammatischen Fehler erkennen. Ich bin müde. Seit ich am Freitag hier angekommen bin, habe ich mit Müdigkeit zu kämpfen. Hitze, die den ganzen Tag überdauert und totale Konzentration, während ich Swahili Konversation verfolge und doch nicht verstehe, sind mögliche Gründe. Jeder Satz, den ich beitragen will, muss vorher gut durchdacht sein. Bloß nicht anfangen zu sprechen, wenn du weißt, dass dir gleich eine Vokabel fehlt. Es fühlt sich wie ewiges Tabuspielen an und ist anstrengend, doch schon bald bin ich in der Lage mit ganz Ostafrika die Welt zu diskutieren.
Groß ist die Gefahr hier in Einsamkeit zu versinken und ich bin gespannt was sich in neun Monaten in mir entwickelt und was sich verändert. Liebe zu den Kindern wächst mit jedem Lachen, dass sie mir zu werfen und Motivation für diesen eingezäunten Ort steigt. Ich hoffe doch noch sehr auf wenigstens einen Seelenverwandten.
Unter Robby Hales Gesang mit Alltagslyrik schaukel ich in den Sonnenuntergang hinein mit Blick auf die gewaltigen Berge vor mir, die sich hinter der Stadt aus dem flachen Land erheben. Einen weiten Schatten wirft die Schaukel auf den staubigen, harten, trockenen Boden. Windstöße wirbeln den Dreck in die Luft und lassen mich meine Augen zusammenkneifen. Die Bananenstauden neben an verdursten und leiden unter Trockenheit in der eigentlichen Regenzeit. Für einen kurzen Moment schaffe ich es die Ruhe, die Ferne, das Alleinsein, Afrika wirklich zu genießen. Das Schaukeln bringt mich auf nostalgische Gedanken. Ich denke an enge Freunde, meine Familie, gute Musik, Kim, Nutella, gutes deutsches Bier, deutsche Natur und genieße afrikanisches Leben.
Am ersten Tag bekomme ich die wöchentliche Jungengruppe übergeben, ich halte Andachten und bin seit heute Englischlehrer. Einen Monat haben wir Zeit ihnen Stoff von zwei Jahren beizubringen, damit sie die Aufnahmeprüfung in der neuen Schule schaffen. Ich bin der erste FSJ’ler an diesem Ort und darf Geschichte schreiben. Ich fühle mich gebraucht und das ist gut.
Jeder Tag beginnt mit Brot mit Blue Band (Butter) und Tee mit Milch. Sonntags gibt es ein Ei. Jeden Tag esse ich Reis mit Bohnen, gefolgt von Ugali ohne Salz. Abends dusche ich mit Eimer und kacke im Stehen. Haha!
Es geht mehr in mir vor, als ich hier preisgebe, vergebt, dass ich es nicht auf diese Weise mache - zu viele potentielle, nicht vertraute Leser.
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